Sonntag XI: CPH:DOX

2009 November 25
von Der Nils

[Dieser Artikel ist ein wenig lang geworden. Bitte erschreckt euch nicht, ich wollte nur mal eine detailreiche Erzählung ausprobieren.]

Es ist Wochenende. Was macht man am Wochenende in einer Metropole, die ein großes Filmfestival gestartet hat?

If I can't dance, it's not my revolution

Irgendwas will mir das Plakat sagen...

Natürlich jede Menge Filme gucken. Das Festival hört auf den Namen „CPH:DOX“ und zeigt Dokumentarfilme aus verschiedenen Sparten. Ein großer Teil des Programms machen Musikfilme aus, auf die wir uns begeistert stürzen.

Unter der Woche saß ich bei „All Tomorrow’s Parties“ im Kino, jetzt am Freitag ist ein wesentlich größerer Konzertfilm am Start. Er zeigt die Kanada-Tour der White Stripes und heißt „Under Great White Northern Lights“. Meine Sitzposition ist so ziemlich die schlechteste die man sich aussuchen kann (fast ganz vorne rechts), der Sehgenuss wird dadurch aber nur geringfügig eingeschränkt. Der Film selbst spielt mit dem Kontrast aus ruhigen Passagen mit dem Fokus auf die beiden Protagonisten und den energiegeladenen Liveauftritten. Die einzigen Farben, die dabei benutzt werden sind weiß, schwarz und rot, die Farben der Band. Nur die Interviews in einer kleinen Hütte, in der immer irgendjemand im Hintergrund regungslos in einem Bett liegt, sind farbig gehalten. Der Rest des Films besteht aus Fragmenten aus dem Tourleben der Whites, bei denen man einen kurzen Blick hinter die Masken werfen kann, aber immer bleibt es gerade nur so oberflächlich, dass man das Gefühl hat, die beiden nicht wirklich kennzulernen. Man erfährt einzelne Details, das große Ganze belibt aber verborgen, es ergibt sich ein stückhaftes Bild. Genau das ist aber die Absicht der Band. Eine weitere, kleine Merkwürdigkeit sind die Untertitel für Meg White, die sehr selten etwas sagt, aber im Gegensatz zu manch anderen recht deutlich spricht. Der Film gipfelt schließlich in ihrem Jubiläumskonzert mit ihrem bekanntesten Song, um dann schließlich gnz leise mit einer anrührenden Szene auszuklingen.

Nur Filme gucken ist an sich aber auf die Dauer wenig abwechslungsreich, also hat das Organisationskomitee sich einige besondere Aktionen einfallen lassen. Eine davon befasst sich mit dem Remixen von Musikstücken. Zuerst wird der Film „Rip – A Remix Manifesto“ gezeigt, in dem der Regisseur die Geschichte erzält, wie die großen Film- und Plattenfirmen auf ihren Copyrights sitzen und das Verwenden ihres Materials strengstens verbieten. Man darf es nicht ohne Erlaubnis irgendwo abspielen oder für seine eigenen Musikstücke verwenden. Die Hauptfigur des Films ist ein Künstler, der am Laptop Stücke anderer Bands und Sänger auseinanderfriemelt, mit Beats unterlegt, sie neuzusammensetzt und damit unter anderem schon ein gesamtes Festival inklusive Paris Hilton zum Tanzen gebracht hat. Der Bogen wird von Walt Disney über einen „Copyleft“-Aktivisten bis nach Brasilien gespannt, um zu zeigen, dass Kultur auf dem „Remixen“ der Werke anderer Menschen besteht und die Kreativindustrie geldgierig genau das verhindern will. Blöderweise sind jedoch die meisten Regierungen der Welt (außer der brasilianischen) auf deren Argumente angesprungen und so haben wir unter Umständen jetzt ein Kreativproblem. Oder zumindestens schränkt es Kreativität ein und ist auch irgendwie unfair.

Remix-PartyJedensfalls wird danach, um das Remixen in echt darzustellen, ein Konzert veranstaltet, in einem Club, der 50 Meter die Straße runter liegt und „Rust“ heißt. Der ist perfekt an die Wohnumgebung angepasst, soll heißen: Liegt in einem Reihenhaus und ist damit ungefär 25 Meter lang, aber nur 5 Meter breit. Das Konzert spielt sich ganz vorne ab, wer keine Lust darauf hat, kann sich weiter nach hinten in die Sitzecken verziehen. Die beiden DJs machen sich nun an ihre Remix-Tätigkeit und spielen ein Musikstück von ihrem Laptop (natürlich mit Apfel drauf), scratchen dazu ein wenig und tippen ständig auf die Knöpfe an ihren Geräten. Heraus kommen ganz tanzbare Beatspielereien zu manchmal bekannten Melodien.

Sonntagabendessen 11

Fehlt nur noch Käse.

Sonntag gibt es dann wieder das traditionelle Abendessen. Heute wird es ein wenig unspannender als letztes Mal, es gibt Käse-Lauch-Suppe. Also Hackfleisch, Lauch und Brühe irgendwie für eine gute Mischung abschätzen, das dann in einen Topf, kochen lassen und danach Käse un Sahne dazu. Nicht überragend ausgefeilt, aber trotzdem ein leckeres Mahl. Dafür gibt’s sehr gute 9 Punkte und zufriedene Gesichter. Das Tischgepräch ist etwas ungewöhnlich für einen späten Sonntag: Es get um die Abdendplanung. Johann und Moritz haben von einem Jimi-Hedrix-Jam in Christiania gehört und machen sich sofort auf den Weg. Ich habe hingegen ein anderes Ziel. Durch Zufall bin ich kurz vorher auf der CPH:DOX-Website auf eine kleine Sonderaktion gestoßen.

Das Festival zeigt nicht nur Dokumentarfilme in verschiedenen Kategorien und vergibt Preise, sondern legt auch den Fokus auf bestimmte Regisseure, dieses Jahr unter anderem auf Vincent Moon, einen Musik-Dokumentarfilmer. Eine seiner bekanntesten Werke sind die sogenannten Take-Away-Shows, bei denen eine Band in einer besonderen Umgebung mit einigen Zuschauern spielt. Mitgemacht haben dabei zum Beispiel schon R.E.M., Sigur Rós und Arcade Fire.

So kommt es, dass Vincent Moon also in der Stadt weilt und wo er schon gerade da ist, ein Wohnungskonzert ankündigt. Diese Information schafft es circa 4 Stunden vor dem Beginn am Sonntagabend ins Internet, gerade rechtzeitig, damit ich es mitbekomme.

Beim Abenessen überzeuge ich noch Martin mitzukommen, da es (fast) auf seinem Nachhauseweg liegt und wir machen uns Richtung Nørrebro auf. Das Reihenhaus, in dem das Konzet stattfinden soll, trägt die Nummer eins und der Hauseingang ist schon größtenteils mit Fahrrädern zugestellt. Ein kleiner Zettel am Tor verrät uns, dass wir ohne zu klingeln in den ersten Stock gehen sollen, alle Türen sollten offen sein. Tatsächlich wird die Tür zur Treppe von einem Kinderwagen offengehalten und die Wohnungstür ist auch nur angelehnt. Ein leises Murmeln dringt an mein Ohr und ich öffne vorsichtig die Tür.

Wir landen in einem schmalen Flur, der sich in eine geräumiges Wohnzimmer öffnet. Eine gar nicht so kleine Zuschauerschaft wuselt ein wenig durch die Wohnung und wir schauen uns erst einmal die Zimmer an. Es ist eine verwinkelte Großstadtwohnung, die anscheinend aus Zweien zusammengelegt wurde, die Räume sind irgendwie seltsam angeordnet, die Flure eng. Es wirkt alles recht leer, im Wohzimmer sind die meisten Möbel Sitzgelegenheiten, ein anderer Raum ist gar komplett ausgeräumt. Dadurch fällt einem sofort der schöne Blick durch das Fenster auf einen der Kopenhagener Seen auf. Das einzige, was in diesem Raum steht, sind Kerzenleuchter auf den Fensterbänken, die die Wände in ein warmes, schummriges Licht tauchen.

Zwischen all den Menschen, die sich durch das Haus bewegen, fällt mir eine Person auf. Nicht nur, weil ich sein Gesicht schon auf einem Foto gesehen habe. Sondern auch weil er sich ein wenig schneller als die Schleichenden um ihn herum bewegt und dabei leicht hüpft. Er schlängelt sich durch die Menge, bewegt dabei konstant seine Arme und Hände und wirkt wie ein kleines Kind mit zuviel Energie, die es nicht auslassen kann. Es ist Vincent Moon, der die letzten Vorbereitungen für das Konzert trifft. Ich bin gespannt, ich habe so ein wenig das Gefühl, bei etwas Großem dabei zu sein.

CPH:DOX, Nörrebrogade 1, Valby VokalgruppeWährenddessen schauen wir uns im Schlafzimmer auf einer Leinwand ein paar andere Filme aus der Wohnungskonzertserie von vor einem Jahr an und bekommen so ungefähr eine Idee davon, wie das aussehen wird. Kurz darauf erklärt uns Vincent (unter dauerndem Reiben seiner Hände), was jetzt passieren soll. Gestartet wird auf dem Dachboden, dann geht’s runter und durch die Wohnung. Und das Ganze ohne Schnitt in einem Take. Zur Rolle von uns Zuschauern sagt er: „Wir gucken einfach mal was passiert, folgt uns wenn ihr mögt und mal sehn, was dabei rauskommt.“ Also bloß nicht zu viele Anweisungen geben.

Wir hängen uns also an die Anderen und steigen die noch engere Treppe nach oben unter das Dach, ich kann hier natürlich nur mit Spinnweben im Haar halbwegs aufrecht stehen. Wir gehen im Gänsemarsch den Gang entlang, bis wir nicht weiter können, weil vorne kein Platz mehr ist. Da stehen wir also, um uns herum liegt Gerümpel, in der einen Richtung rauscht die Heizung und gibt der Umgebung eine gewisse Maschinenraum-Atmosphäre, aus der anderen hört man ein leises Summen, was den Anfang des Konzerts ankündigt. Sehr viel mehr hören und sehen wir vorerst nicht. Martin dreht sich zu mir um: „Ich stelle fest: Ich stehe in Nørrebro in einer fremden Wohnung auf dem Dachboden neben einer Schaufensterpuppe und bin bei etwas Großem dabei.“ (Bitte mit schön viel Ironie in der Stimme vorstellen)

Plötzlich wird es unruhig. Vor uns machen die Zuschauer hastig Platz und wir versuchen tief unter das Dach zu kriechen. An uns zieht eine Prozession aus summenden, jungen Frauen mit Kerzen in der Hand vorbei, Vincent schleicht völlig konzentriert mit einer laufenden Kamera hinterher, gefolgt von einem Tonmensch mit Puschelmikrofon. Die Menschen um mich herum schauen sich ein wenig verwundert an und beschließen dann, dem Zug zu folgen und nach unten zu gehen.

Der kleine Frauenchor hat sich inzwischen in dem leeren Raum mit den Leuchtern im Kreis aufgestellt und summt vor sich hin. Die Zuschauer strömen langsam in den Raum und verteilen sich an den Wänden, penibel darauf achtend bloß keine hektische Bewegung zu machen. Ich stelle mich ans Fenster und versuche, dem Aufnahmeteam nicht im Weg zu stehen. Der Gesang hat keine wirkliche Melodie, die Stimmen verändern sich jedoch immer geringfügig, sodass in bestimmten Intervallen neue Harmonien oder Dissonanzen entstehen. Mir wird klar, dass hier kein normaler Chor singt, sondern eine Gruppe herumexpirementiert, um herauszufinden, was man mit Stimmen alles anstellen kann. Vincent beginnt gerade eine Kreis-Kamerafahrt um den Chor herum, sein Tonassistent folgt ihm auf Schritt und Tritt mit dem immer gleichen Gesichtsausdruck, der das genaue Gegenteil von Begeisterung zeigt.

Auf einmal ist es still, Vincent ist in seiner Bewegung eingefroren, im Raum bewegt sich niemand. Bei einem normalen Konzert würde jetzt Applaus kommen, es entsteht aber stattdessen eine lange, unerträgliche Pause. Die Blicke der Sängerinnen wandern ein wenig nervös umher. Auf manchen Zuschauergesichtern kann man die Verwirrung gut erkennen. Martin wirft mir einen kurzen Blick zu, der mir, so interpretier ich das, zwei Fragen stellt: „Erstens: Warum hast du mich hierher geschleppt? Und Zweitens: Was zur Hölle machen die da?“

Die folgenden Gesänge bewegen sich zwischen sehr experimentell und lärmend bis harmonisch und fast schon einem normalen Lied ähnlich. Manchmal hat es etwas von einem Ritual, besonders wenn die Chormitglieder im Kreis auf dem Boden sitzen, langsam vor- und zurückwippen und dabei einen Singsang aus sich überlagernden „Manamana“-Lauten formen.

Vincent ist ständig in Bewegung und versucht, eine möglichst fließende Kameraführung hinzubekommen.

Als der letzte Ton ausklingt, wird es wieder still. Irgendwo fängt jemand an zu klatschen, ein zweiter macht mit und bald brandet großer Applaus auf. Eine große Erleichterung macht sich unter den Sängerinnen breit. Sie stehen zusammen in der Mitte des Raumes und verneigen sich ein paar Mal.

Der Chor heißt „Valby Vokalgruppe“ und diese Episode der Take-Away-Shows kann man vielleicht bald irgendwo in den Weiten des Internets bestaunen. Vielleicht hier oder hier.

Damit endet dann auch ein sehr musikalisches Wochenende und eine neue Arbeitswoche kann beginnen.

Sonntag X: Besuchsprogramm

2009 November 20
von Der Nils

Es ist Wochenende. Was macht man am Wochenende, wenn seltener Besuch aus Fünen da ist?

Allerhand. Clara ist von ihrer auf unsere Insel hergekommen und hat gleich noch eine Freundin mitgebracht. Die Freude ist beim Wiedersehen groß und den Freitag Abend sitzen wir erst einmal gemütlich in der „deutschen“ Wohnung im Zentrum der Stadt. Es ist ein Spieleabend geplant und wir spielen Assoziationsraten (mir ist gerade kein weniger sperriges Wort für das Spiel eingefallen).

Dabei schreibt jeder zu einem Oberbegriff ein paar Wörter auf seinen Zettel, danach wird verglichen. Punkte gibt es je nachdem, wieviele andere ein gleiches Wort aufgeschrieben haben. Je mehr, desto besser. Man muss also darauf darauf achten, was sich die anderen so gerade ausdenken könnten und versuchen, das möglichst genau mit seinen Wörtern zu treffen. Ich ertappe mich zwischendurch dabei, wie ich nachdenklich in die Runde blicke und versuche auf den Gesichtern der Anderen irgendwelche Informationen über die Begriffe zu erhaschen. Was natürlich völlig fehlschlägt.

Andersherum bekomme ich zwischendurch auch Kommentare wie „Ich dachte, wenigstens DU hättest das aufgeschrieben“ entgegengeworfen, als ich keinen Politiker auf meiner Liste stehen habe.

Danach zerbrechen wir uns noch eine Runde den Kopf mit der Frage „Welcher Beruf passt zu mir?“, bevor der Abend mit einem recht ziellosen Spaziergang durch die Stadt endet.

Zweiter Teil des Besuchsprogramms ist ein Film-Abend am Samstag, wir schauen uns „Elizabethtown“ an, ein Romantik-Kömödien-Stück in gemächlichem Tempo. Die Ausstattung der DVD erlaubt lediglich englische Sprachausgabe und Untertitel (was allerdings auch fairer gegenüber Nina ist).

In einer der zentralen Stellen des Films steht die Hauptfigur (Orlando Bloom) am Sarg seines aufgebahrten Vaters und grübelt, welches Wort wohl den Audruck seines Vaters treffend beschreiben würde. Er geht ein wenig um den Sarg umher, beugt sich nach vorn und wieder zurück, die Kamera macht ein paar Schwenks mit, zeigt den Vater und wieder Orlando. Das Ganze dauert eine gefühlte Viertelstunde, bis endlich das passende Wort gefunden ist. Es lautet: „Whimsical“.

Toll, was zur Hölle heißt whimsical? Eine ganze, ellenlange Szene kann manchmal an einem einzigen Wort scheitern…

Kunst und so...

Kunst und so...

Der dritte Teil besteht nun aus dem Sonntag. Es steht Kultur auf dem Plan. Wir haben uns die „Ny Carlsberg Glyptotek“ ausgesucht, um uns ein paar Statuen und Bilder anzuschauen. Diese Glyptothek (bedeutet so viel wie Statuensammlung) hat sich der Brauereibesitzer und Kunstfan Carl Jacobsen vor 120 Jahren da mal hingestellt. Dementsprechend findet man dort vornehmlich Skulpturen und Bilder aus dieser Zeit. Aber auch antike Kunst aus Griechenland, Rom und Ägypten und in einem neueren Gebäudeflügel impressionistische Werke von Monet, Gauguin oder van Gogh. Wenn man – so wie in meinem Fall – nicht ganz so interessiert den Kunstunterricht verfolgt hat, oder die meiste Unterrichtszeit aus dem Malen von Bildern bestand, kommen einem die Kunstwerke und Namen darunter irgendwie bekannt vor, nur so richtig etwas damit anfangen kann man damit nicht. Schick anzuschauen ist es trotzdem.

Beim Durchlaufen der Ausstellung fallen einem unter Umständen auch die kleinen, getäfelten Hakenkreuze im Fußbodenmuster auf. Die sind jedoch erstens älter als die nationalsozialistische Ideologie und haben zweitens eine ganz einfache Bedeutung: Es war das Logo der neuen Carlsberg-Brauerei und wurde im Sinn eines Sonnenzeichens verwendet.

Oase im Museum

Oase im Museum

Nach einem langen Rundgang lernt man allerdings das Zentrum des Museums schätzen: Den großen Palmengarten, der genausogut auch Teil eines Tropenhauses hätte sein können. Wir setzen uns auf eine Bank, schauen uns die Pflanzen und spielenden Kinder an und warten auf Martin, der auf unserem Rundgang verloren gegangen war und sich jetzt noch den impressionistischen Ausstellungsteil anguckt (Was Martin beim Verlorengehen angestellt hat, kann man sich hier anschauen).

Da es Sonntag ist, darf auch das traditionelle Abendessen nicht fehlen. Heute sind wir mit Clara, Lisa, Sarah und Wiebke ein paar mehr Leute als gewöhnlich (und erstmals sind damit beide Geschlechter gelich stark vertreten), also wird etwas Besonderes auf den Tisch gezaubert. Dafür besuchen Martin und ich vorher noch einen chaotischen Supermarkt im Stadtzentrum und suchen uns die Zutaten zusammen. Dabei laufen wir circa 14 ½ mal von vorne bis hinten durch den Laden (Wo findet man Frischkäse? In der Käse-Ecke links oder bei den Milchprodukten in der anderen Ecke? Antwort: Beim Gehackten vorne an der Kasse), bis wir endlich alles zusammen haben.

Heute gibt es Wraps mit drei verschiedenen Füllungen, die alle gleichzeitig mit den Wraps zubereitet werden. Der Überblick geht ein wenig verloren, an den Rezepten werden zischendurch noch ein paar Änderungen vorgenommen und Martin lässt die angebratenen Wraps mit der Pfanne durch die Luft fliegen. Schließlich finden wir uns alle im Joist Attic zusammen um in großer Runde das Essen zu genießen. Und werden uns schnell einig: Das ist das Allerbeste, was je von uns an einem Sonntagabend zusammengebrutzelt wurde. Volle zehn Punkte, nichts Anderes hat dieses köstiche Mahl verdient. Zwar sind die Wraps nicht ganz so biegsam und zum Zusammenrollen geeignet, aber wen stört das schon? Der Inhalt reicht von Gemüse und Salat über Hackfleisch bis zu Fisch mit massig Variationsmöglichkeiten.

Ich möchte am liebsten gar nicht mehr aufhören zu essen, aber irgendwann ist auch die letzte Schüssel leer. Wir essen auf unserem Flur noch ein wenig Kuchen, bis langsam jeder in sein Zimmer verschwindet oder nach Hause aufbricht.

Mit diesem bisher besten Abschluss endet auch wieder das Wochenende und ein neuer Montag kann beginnen.

Sonntag IX

2009 November 13
von Der Nils

Es ist Wochenende. Was macht man am Wochenende, wenn ein gehyptes, amerikanisches Fest die gruseligste Nacht des Jahres einleiten soll?

Man schmeißt eine große Halloween-Party! So richtig mit allem Drum und Dran: Das Wohnzimmer wird mit Spinnweben, Fledermäusen und Kerzen geschmückt, einige schaurige Speisen werden vorbereitet und natürlich wirft sich jeder in eine furchteinflößende Verkleidung!

Der erste große Schreck des Abends beginnt in der Küche. Etwas Rotes springt mir ins Auge. Sarah und Nathalie hatten sich für eine halbe Stunde in Nathalies Zimmer zurückgezogen, um sich umzuziehen. Nun stehen sie mit einem Grinsen in der Küchentür und warten auf die Reaktionen der Mitbewohner. Méline dreht sich um, lässt beinahe ihre Gabel fallen und macht erstmal einen Satz zurück. Auch ich setze einen verwunderten Blick auf – da stehen tatsächlich zwei Weihnachtsmänner in voller Montur vor mir, nicht unbedingt das, was man auf einer Halloween-Party erwarten würde. Die Überraschung ist den beiden also geglückt. Um dem Motto des Tages trotz ihrer ungewöhnlichen Verkleidung gerecht zu werden, haben sie sich ein wenig rote Farbe ins Gesicht gemalt, tragen ein Pflaster und sehen ein wenig blasser aus als sonst.

Findet die Fehler: Ein toter Weihnachtsmann brät grüne Crêpes auf einer Halloween-Party

Findet die Fehler: Ein toter Weihnachtsmann brät grüne Crêpes auf einer Halloween-Party

Sie sind tote Weihnachtsmänner (zum Teil gemeuchelt durch hinterhätige Rentiere) und werden jetzt von Méline zum Crêpes-Braten eingespannt. Auch diese sind heut besonders, mit ein wenig Lebensmittelfarbe wird ihnen der passende Anstrich gegeben.

Die Gruselgemeinschaft versammelt sich langsam und das Wohnimmer füllt sich. Eine dunkle Mischung aus Hexen, schwarzen Katzen und Weihnachtsmännern bevölkert den Partyraum, dazu kommen noch eine Wahrsagerin, ein fieser Clown, ein Geist und ein Koch, der heute Menschenfleisch zubereitet. Ich fahre meine Standard-Taktik und versuche durch meine Verkleidung nicht großartig aufzufallen, angepasst an die Dunkelheit bin ich komplett schwarz gekleidet, trage Kapuze und T-Shirt mit depressiver Aufschrift, selbst mein Gesicht ist dank Wiebkes Schminke abgedunkelt. Erreichen tu ich damit aber eher das Gegenteil: Wer übersieht schon einen riesigen, halbwegs bedrohlichen Schatten?

Die Gruselgestalten kommen mir entgegenAuf unserer Party fehlen jetzt nur noch die Jungs, die sich im anderen Flur vorbereiten. Also mache ich mich auf, sie zu holen. Was mich erwartet ist ein skurriler Verkleidungsmischmasch: Zuerst stolpert mir Moorleichenzombie Martin entgegen, der mit seiner grünen Gesichtsfarbe ganz und gar nicht gesund aussieht, hinter ihm steht Moritz im Zimmer, eingeschränkt bewegungsfähig und mit Teddybär in der Hand geht er als lebendige Mumie auf die Party. Simon sorgt noch für den letzten Schliff an seinem Kostüm und gibt heute mit Regencape, Handgelenkschonern, einem weißen Bart und Sonnenbrille so etwas wie den Alternativ-Weihnachtsmann.

Der Gruseligste im Zimmer ist jedoch mit Abstand Johann. Er geht als… Sailor Moon. Inklusive langer blonder Perücke und Rock.

So macht sich unsere seltsame Gruppe auf den Weg und die Party kann so richtig beginnen. Jeder hat etwas zu essen oder zu trinken mitgebracht und wir machen uns über grüne Crêpes, Süßigkeiten und die Getränke her. Simon sorgt für die Musik und wir tanzen bis ganz spät in der Nacht, lange nach der Geisterstunde.

Eine Wahl zu den besten Kostümen gab es auch noch: Gewonnen haben verdientermaßen Johann und Méline, die sich für ein Geister-Outfit ein großes Bettlaken übergeworfen und sogar eine Metallkette aus Alufolie dazu gebastelt hatte.

Nun ist es Sonntag und es ist Zeit für das traditionelle Abendessen. Unser Brauch wurde in den letzten Wochen ein wenig verschleppt, zwei Sonntage zuvor half Nina mit leckeren Krabben in Senfsauce aus und vor einer Woche waren wir vom Geburtstagsessen für Nina so satt, dass wir Selbiges einfach als Abendessen durchgehen ließen. Wenigstens brach die Tradition also nicht ab. Diesen Sonntag treten wir jedoch wieder in Originalbesetzung (Johann, Moritz, Martin und ich) an. Und versuchen etwas Neues: Es soll ein Thementag werden, der Oberbegriff lautet „Zitrone“. Die Idee kamm irgendwann in der vorherigen Nacht auf und soll in einem Drei-Gänge-Menü enden. Die Vorspeise heißt „Zitronensuppe“ und das allererste Beispiel dafür, dass auch bei einem Sonntagabendessen etwas mal nicht gelingen kann. Gut, ich hätte dabei misstrauisch werden müssen, dass der Grundstoff aus Wasser und Vanillepuddingpulver besteht. Einigermaßen essbar wird es nur mit einer großen Portion Zucker und Zitronensaft. Die Kommentare reichen von „Also, das ist ein ganz neues Geschmackserlebnis, das hab ich bisher noch nie in meinem Leben gehabt“ bis „Ich frag mich,in welcher Situation der Mensch war, der sich das ausgedacht hat: Hmm, ich hab hier noch Vanillepudding, Rosinen, Eier und Zitronen. Was könnte man daraus machen?“ Wenigstens haben wir daraus als Weisheit gelernt, dass man mit genügend Zucker und Zitronensaft fast alles wieder hinbekommen kann.

Chefbrutzler und Schnitzelexperte: Moritz

Chefbrutzler und Schnitzelexperte: Moritz

Die Noten für das Essen rutschen in den Keller, können aber wieder mit einer enormen Steigerung herausgerissen werden. Die Hauptspeise besteht nämlich aus Kalbsschnitzel in Zironensoße. Moritz darf seine Energie beim Plattklopfen der Schnitzel auslassen und anschließend am Herd stehen. Aus einem Missverständnis heraus kommt noch eine Zwiebel dazu und dann das Ganze dan auf den Tisch. Den Vergleich mit den Jägerschnitzeln aus der ersten Folge verlieren die Zitronenschnitzel knapp, dafür ist der Nachtisch der Höhepunkt des Abends: Natürlich gibt es Zitronenkuchen von Backmeister Martin, der jedes Wochenende einen andere süße Köstlichkeit zaubert und uns diesmal an dem Geschmackserlebnis teilhaben lässt.

Das zieht die Gesamtbewertung am Ende so gerade noch auf 8 Punkte und ist Alles in Allem somit ein leckeres Mahl. Und wir haben jetzt ein paar Runninggags über Suppen…

Mit diesem sehr sauren Abschluss endet auch wieder das Wochenende und eine neuer Arbeitstag kann beginnen.

Auf dem Land

2009 November 1
von Der Nils

Wir stehen auf einem kleinen Feld. Das Gras streicht kniehoch um meine Beine und ich halte meine Hand gegen die Sonne. Ein paar Bäume und Büsche stehen als Begrenzung am Feldrand, hier und da ragt ein kleines Bäumchen aus dem Gras heraus. Im Gänsemarsch bahnt sich unsere Gruppe einen Weg und bleibt urplötzlich stehen, denn der Reiseführer setzt zu einem kleinen Vortrag an. Er trägt ein Hawaii-Hemd mit grünen Kürbissen, eine kurze Hose und Badelatschen. Seine runde Brille lässt ihn ein wenig wie einen Forscher aussehen. Er erzählt anscheinend etwas darüber, was hier auf diesem kleinen, lauschigen Plätzchen einmal entstehen soll, gestikuliert dabei herum und zeigt mit ausladenden Bewegungen auf einige Ecken der Wiese. Um mich herum schauen die Zuhörer entweder interessiert oder gelangweilt in der Gegend herum, einige unterhalten sich und versuchen dabei ihre Rollatoren durch das Gestrüpp zu schieben.

Ich frage mich so ganz langsam, was ich hier überhaupt mache. Ich befinde mich inmitten einer „Reisegruppe“ aus eher älteren Menschen. Sie haben alle gemeinsam, dass sie regelmäßige Besucher einer sozialen Einrichtung der Mission für Obdachlose sind und jetzt irgendwo auf dem Land außerhalb Kopenhagens in einer Gärtnerei stehen. Es ähnelt einer Schar von Touristen auf Sighseeingtour, nur dass diese Gruppe das Bild an allen möglichen Stellen bricht: Ein paar Teilnehmer sind leicht angetrunken – was ungeübte Ohren wie meine aber nicht an der Sprache feststellen können, weil Dänisch sowieso mehr genuschelt wird – ein paar andere kommen plötzlich auf den Gedanken, sich von der Gruppe zu lösen und im Gebüsch zu verschwinden. Vorneweg läuft immer der Reiseführer in seinem Kürbishemd, an jeder Pflanze wird ein Halt gemacht, um ihre Bedeutung zu erklären. Es klingt bedeutungsschwer. Als hätte diese Gärtnerei zeitgeschichtliche Relevanz. Als wäre Napoleon persönlich mit seiner Armee hier durchgepflügt, um sich in einer Pause einen Apfel zu gönnen. Als hätte König Christian IV hier die allererste Gärtnerei Dänemarks angelegt und alle möglichen exotischen Gemüsearten anpflanzen lassen. Oder als wäre das hier eine Forschungsstation mit 150-jähriger Geschichte, die im Alleingang alles hervorgebracht hat, was man heutzutage im Gemüseregal eines Supermarktes finden kann.

Moritz steht mit seinem Fotoapparat neben mir und man merkt ihm an, dass auch er das hier alles ein wenig zu skurril findet. Ich versuche einfach nicht weiter aufzufallen und laufe mit der Menge mit. Die Blicke der Menschen um mich herum verraten, dass sich einige auch nicht so ganz siche sind, was sie hier machen, was sie noch ein wenig deplazierter wirken lässt als ohnehin schon.

Der Sitzplatz

Der Sitzplatz

Gut, dass die Führung bald vorbei ist und wir wieder zurück zu den Sitzplätzen gehen. Neben zwei Holzhäuschen stehen hier eine ganze Menge verschiedener Stühle um einige Tische herum. Es ist nicht viel Platz und ich fühle mich zwischen Tisch und Haus ein wenig eingepfercht. Wenigstens gibt es gleich Essen, es wird gegrillt. Naja, zumindest ansatzweise. Eigentlich werden nur zwei Töpfe und eine Schale auf eine Feuerstelle gesetzt. Also eher besseres Kochen. Auf meinen Pappteller bekomme ich dann ein Stück gekochtes Fleisch und dazu alle erdenklichen Arten von Salat plus Tsatsiki.

Hergekommen sind wir am morgen mit dem Bus, der die Leute an den Cafés Amadeus und Pegasus eingesammelt hat. Auf der Busfahrt saß ich neben einem Bewohner des Kollegiet, einem Obdachlosenheim. Man hat gemerkt, dass er schon etwas getrunken hat, dementsprechend war er ganz lustig drauf. Wir haben uns ein wenig auf Englisch unterhalten und er beschwerte sich darüber, dass sie auf dem Ausflug kein Bier trinken dürfen.

Der Grillplatz

Der Grillplatz

Nach dem Mittagessen gibt es natürlich noch Kaffee und Kuchen. Den isst man hier aber nicht mit süßer Sahne, sondern mit Créme fraîche. Auch eine interessante Variante. Dazu singt der Chor aus dem Café Offside (gehört auch zur Obdachlosenmission) ein paar Lieder, bei denen alle dazu eingeladen sind, mitzusingen. Die Texte auf dem Liederzettel sind aus meiner Sicht nichtssagend, also summe ich nur ein wenig mit. So richtig Lust zu singen haben die anderen aber auch nicht und so klingt das Ganze eher nach einem Bienenstock als nach einem Gesangsnachmittag.

Danach soll es dann wieder zurück in die Stadt gehen, der Bus steht schon bereit und wir lassen die Gärtnerei langsam hinter uns.

Es war einer der letzten wolkenfreien, halbwegs warmen Tage des Spätsommers und somit perfekt für so einen Ausflug, bevor die Kälte, die Dunkelheit und das deprimierende Grau die Oberhand über das Land gewinnen sollten…

Sonntag V / Sonntag VI

2009 Oktober 20
von Der Nils

So, die erste größere Schreibpause ist vorbei, keine Angst, ich lebe noch. Und weil hier ein Stückchen länger nichts passiert ist, gibt es jetzt einen extralangen Artikel und ein Wochenende im Doppelpack.

Es ist also Wochenende. Was macht man am Wochenende in einer Stadt, die mit Museen vollgestellt ist und die man dazu auch noch kostenlos besuchen kann?

Man geht da einfach hin. An diesem Samstag sollte es das Nationalmuseum sein. Dort kann man die gesamte Geschichte Dänemarks von der Steinzeit bis heute verfolgen. Falls man wirklich die Geduld und das Interesse hat, kann das gut und gerne anderthalb Tage in Anspruch nehmen. Wenn man dann auch noch über den Tellerrand hinausschauen möchte, kann man sich auch noch den Ausstellungsteil mit den Völkern aus aller Welt angucken (mit der größten grönländischen Sammlung der Welt – oder zumindest Dänemarks). Dazu gibt es noch eine temporäre Ausstellung und was für Kinder, z.B. eine kleine Spielzeug- und Puppenhaus-Ausstellung.

Die Indianerausstellung

Die Indianerausstellung

Zuerst ging es in den temporären Teil. Hier gibt es zur Zeit etwas über südamerikanische Waldindianer. Man kommt dort in einen großen, dunklen Raum, der ohne offensichtliche Lampen auskommt. Das Licht stammt von den bunten Würfeln, die – dicht an dicht aufgestellt – so etwas wie Regenwaldatmosphäre schaffen. Dazwischen sieht man in Glaskästen Ketten, Fischwerkzeuge und Körbe. An einigen Würfeln kann man von den Entstehungsmythen der einzelnen Völker lesen. Das Zentrum wird aus einer blauen Lichtung gebildet, auf der man sich mit Kopfhörern Geräusche und Erzählungen anhören kann, während man auf einen projizierten Wasserfall starrt. Fast direkt daneben liegt eine etwas dunklere Ecke mit vier Hängematten, die zwar für mich zwar etwas zu klein, aber trotzdem recht gemütlich sind. Auch hier gibt’s Sound auf die Ohren.

Wir entschließen uns, weiter durchs Haus zu gehen. Direkt an der Sonderausstellung beginnt der Teil über „Menschen der Erde“. Wir machen eine Weltreise durch die Kulturen über die alten Indianer- und Azthekenvölker, China, Afrika, Ozeanien und Grönland, dessen Abteilung ziemlich vollgestellt ist und ein wenig wie die neueste Modekollektion samt Zubehör für den Winter aussieht. Irgendwann wird es den meisten in unserer Gruppe aber zu langweilig und sie gehen nach Hause. Nur Zaiga und ich sind am Schluss noch übriggeblieben, irgendwo im 18. Jahrhundert in einem dänischen Wohnzimmer.

Genau diese Zaiga hat an diesem Tag auch Geburtstag, was wir am Abend feiern wollen. Jeder bringt etwas Süßes mit, sodass der Tisch mit Kuchen vollgeladen ist und wir am Ende niemals alles auffuttern können. Auf den Kuchen werden einige Kerzen verteilt, die Zaiga auspusten soll, das klappt allerdings nicht so ganz beim ersten Versuch.

Mit dabei sind heute auch einige ehemalige Freiwillige aus Deutschland, die sich für ein paar Tage in unserem Wohnzimmer einquartiert haben und sozusagen ihren Urlaub wieder hier in Kopenhagen verbingen. Wir sitzen gespannt um sie herum und lauschen ihren Erlebnissen und Geschichten über Arbeitsstellen, Partynächte und Ausflüge. Den ein oder anderen wertvollen Tipp geben sie uns auch mit auf den Weg, was wir in dieser Nacht sogar direkt ausprobieren können. Wir werden nämlich von den Ehemaligen eingeladen, mit ihnen durch die Nacht zu ziehen. Es soll nach Nørrebro gehen, und zwar ins „Tjili Pop“, eine kleine, etwas angestaubte Bar, die auf den ersten Blick ein wenig heruntergekommen aussieht, aber total gemütlich ist und einen ganz eigenen Charme hat. Dort sitze ich mit ein paar anderen bei einem kleinen Bierchen und wir unterhalten uns über Musik und Festivals. Danach fällt die Entscheidung auf das „Gefährlich“ (heißt wirklich so), das nur ein paar Straßen weiter liegt, ich merke allerdings, wie die Müdigkeit bei mir zuschlägt und ich trete den Nachhauseweg an.

Die ehemaligen Freiwilligen sollten nach ein paar Tagen wieder fahren, jedoch nicht ohne uns ein Abschiedsgeschenk dazulassen.

Nie mehr ziellos durch Kopenhagen laufen!

Nie mehr ziellos durch Kopenhagen laufen!

Eines Mittags ist das Wohnzimmer wieder aufgeräumt und menschenleer, die Wand hat sich jedoch ein wenig verändert. Dort hängt jetzt eine Stadtkarte von Kopenhagen, versehen mit einigen Nummern und Zetteln drumherum. Unsere älteren Freunde haben ihre gesamte Erfahrung zusammengeworfen und eine Karte mit allem zusammengestellt, was man in Kopenhagen machen kann, wenn man Langeweile hat. Die besten Ausgehtipps und schönsten Gärten, die romatischsten Plätze und besten Shoppingmöglichkeiten. Genau das, was wir brauchten – ganz großes Kino!

Zurück zum Wochenende: Es ist wieder Sonntag und es gibt ein neues Gesicht im Diakonissestiftelsen. Simon heißt der Neuankömmling und stammt aus Frankreich. Er darf mein altes Zimmer beziehen, also das ziemlich kleine, abgelegene in dem seltsamen Flur, wo die Deckenbalken so niedrig hängen. Zum Kennenlernen haben wir ihn schon am Samstag direkt in die Bars mitgenommen und heute ist er bei unserem traditionellen Sonntagabendessen eingeladen. Heute gibt es Knoblauch-Hähnchen. So mit richtig viel Knoblauch. Abgesehen von diesen beiden Zutaten kommen noch Kartoffeln und einige andere Kräuter dazu.

Warten...................

Warten...................

Die verschiedenen Hähnchenteile werden von uns sortiert und auf „Themenbleche“ verteilt, die anderen Zutaten werden irgendwie drumrum gelegt. Insgesamt verbrauchen wir dabei 3 komplette Knoblauchzwiebeln… Das kommt dann für ca. 1 ½ Stunden in den Backofen, das heißt also warten.

Am Ende riecht der gesamte Flur nach Knoblauch, was aber das leckere Mahl wert ist: Wir einigen uns auf eine Bewertung von 9 Punkten. Einen Punkt Abzug gibt es für das unvermeidlich umständiche Sezieren des Vogels. Also rein technische Schwächen, der Geschmack ist aber ausgezeichnet.

Die Unterhaltung am Tisch dreht sich natürlich um Simon, der uns von seiner Zeit in Seattle erzählt und wir uns gegenseitig Anekdoten über die USA zuwerfen.

Mit diesem geruchsintensiven Abschluss endet auch wieder das Wochenende und ein neuer Arbeitstag kann beginnen.

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Es ist wieder Wochenende. Was macht man am Wochenende, wenn es eine ganz besondere Nacht ist, die nur einmal im Jahr stattfindet?

Logo KulturnattenMan macht natürlich mit. Es ist „Kulturnatten“, die Nacht der Kultur. Man kann das so ein wenig mit einem Kirchentag vergleichen: Die ganze Stadt ist auf den Beinen, alle Pläze sind mit Menschen gefüllt, überall gibt es Angebote, bei denen man mitmachen kann, man hat so ein kleines Teilnahmekärtchen (in diesem Fall ein Anstecker) mit dem man kostenlos öffentliche Verkehrsmittel benutzen darf und man hat so ein kleines Büchlein, in dem alle Sachen drinstehen, die man anstellen kann. Nur dass alles eben in der Nacht stattfindet.

Am Anfang dieses Abends sitzen wir bei uns im Wohnzimmer und scannen das Booklet nach interessanten Events. Einige haben schon eine genaue Vorstellung und sogar einen Zeitplan für diesen Abend und brechen auch früh auf. Andere (mich eingeschlossen) haben so gar keinen Plan, was sie mit dieser Nacht anfangen wollen und suchen erst einmal. Nach ca. einer Stunde haben wir uns auf ein paar Sachen geeinigt, die wir besuchen könnten und ziehen los. Zuerst machen wir uns auf zur Carlsberg Brauerei. Es gibt nämlich nicht nur unzählige Konzerte und Veranstaltungen diese Nacht, sondern es haben auch sämtliche Museen geöffnet und dürfen kostenlos besucht werden. In diese Kategorie fällt auch das Carlsberg Museum, bei dem wir zuerst in so eine Art altes Konferenzhaus stolpern.

Sehr schick, so eine Brauerei...

Sehr schick, so eine Brauerei...

Das ist größtenteils mit Marmor ausglegt, beherbergt einige Statuen und auch mit den Säulen sieht es recht altertümlich nach griechisch-römischer Zeit aus. Zwei Gänge sind komplett mit (gemalten) Portraits der Firmenchefs und Mitarbeitern, die ihr 50-jähriges Betriebsjubiläum gefeiert haben, ausgehängt. Schließlich wird ein Raum noch mit einem Modell des Firmengeländes ausgefüllt, sodass man ein Gefühl von dem Ausmaß der Fabrik bekommt.

Wir laufen ein Stück weiter zum Besuchszentrum der Brauerei, bewundern ein paar Autos und gehen in den ersten Raum des Museums.

Als ich die Treppe hochlaufe, bleibe ich bei dem Anblick des Raumes einen kurzen Moment stehen. Ein breites Grinsen huscht über mein Gesicht und meine Augen beginnen zu leuchten. Ich bin im Paradies gelandet… oder zumindest könnte das Paradies so aussehen. Es ist ein gar nicht so großer Raum mit einer Glasvitrine. Einer großen Glasvitrine. Der ganze Raum besteht eigentlich nur aus Glasvitrine. Und diese Vitrine beinhaltet…

Willkommen im Paradies

Willkommen im Paradies

die offiziell größte Sammlung ungeöffneter Bierflaschen der Welt – 15.904 Flaschen Gerstensaft lagern in diesem Raum. Aus aller Welt wurden sie zusammengetragen, einige Flaschen haben schon 100 Jahre auf dem Buckel. Andächtig und fasziniert umkreisen wir die Vitrine und zeigen auf einige wundersame Flaschen.

Darauf muss natürlich ein Bier getrunken werden, also geht’s in die Bar der Jacobsen-Hausbrauerei. Dort nimmt sich jeder ein Glas mit eine anderen Biersorte, die Gläser werden auf den Tisch gestellt und es beginnt eine Probierrunde, während wir auf die restlichen Leute warten, die gerade aus dem Diakonissestiftelsen aufgebrochen sind. Ergebnis: Ich hab das schmackhafteste Bier ausgesucht.

Mit den eingetroffenen Freiwilligen ist unsere Gruppe nun auf ungefähr 15 Personen angewachsen. Eigentlich viel zu viel, um einigermaßen schnell und zufriedenstellend zu einer Entscheidung über das nächste Ziel zu kommen, weshalb sich die Gruppe in der Stadt auch automatisch verliert und ich nunmehr mit Méline und Astrid weiter auf Entdeckungsreise gehe. Wir laufen den runden Turm hinauf, der zu einer Kirche gehört und völlig ohne Treppen auskommt. Es führt nur ein gepflasterter, spiralförmiger Weg nach oben, angeblich damit zu früheren Zeiten auch Pferdefuhrwerke nach oben fahren konnten. Auf jeden Fall stehen wir ein wenig dort oben und genießen die Aussicht auf das halbdunkle Kopenhagen. Die Sternenwarte auf dem Dach ist heut bei bewölktem Himmel recht nutzlos, eine Menge Leute stehen dennoch an. Nach dem Abstieg entscheiden wir uns, in „Københavns Musikteater“ zu gehen, das ein wenig versteckt in einer Seitenstraße der Innenstadt liegt. Dort wird heute ein Zirkuskonzert aufgeführt. Sehr viel mehr Infos gab das Büchlein nicht her, hat aber trotzdem unser Interesse geweckt. Wir finden im überfüllten Kleintheater nur noch auf dem Mittelgang Platz, machen es uns aber bequem und genießen die Aufführung.

Rockzirkus im Theater

Rockzirkus im Theater

Die beginnt mit einem Mann mit Engelsflügeln, der auf die Bühne tritt, sich die bereitliegende E-Gitarre nimmt und ein paar verhaltene Riffs spielt. Dazu gesellt sich eine Frau mit einem Mikrofon, das Musik-Duo ist also gefunden. Bald kommen noch ein paar mehr Menschen auf die Bühne. Im Verlauf der Show sind sie für den Zirkusteil zuständig. Sie jonglieren, balancieren oder schwingen sich an Bändern umher. Immer passend zur meist rockigen Musik. Am Schluss stehen die drei Artisten gleichzeitig auf der Bühne, führen ihre Kunststücke vor und die Musiker singen bzw. spielen sich in ein tosendes Finale. Eine tolle Show!

Danach treffe ich mich noch mit Johann, Martin und Sarah am Nyhavn. Martin und ich schauen uns die Bilderausstellung an, die auf dem Platz aufgebaut ist und mit Motiven von Landschaften auf der ganzen Welt aufwartet. Wir spielen ein wenig Bilderraten, Martin schafft es dabei, konsequent auf dem falschen Kontinent zu landen, nur die Arktis und Antarktis ordnet er richtig zu. Am Ende entscheiden wir uns jedoch, den Abend dabei zu belassen und nach Hause zu fahren, da alle ein wenig durchhängen.

Der Samstag soll zum Fußballtag werden, es ist WM-Qualifikation und Deutschland hat sein entscheidendes Spiel gegen Russland. Wir verabreden uns zum Fußballschauen im Joist Attic, ich stelle meinen Laptop auf die Fensterbank und hoffe auf schnelles Internet. Meine Hoffnung wird nicht enttäuscht, ich finde einen ganz ordentlichen Stream und wir können ein paar leicht pixeligen Männchen beim Fußballspielen zuschauen. Sogar Simon schaut mit und wir sitzen in geselliger Runde und ein wenig Bier um den Laptop herum.

Das Spiel schaue ich allerdings nicht bis zum Ende, weil ich zum Bahnhof fahre: Meine Freundin ist angekommen (Juhu :) ). Auf dem Weg zurück zum Stift begegnen uns allerhand rot-weiße Menschen, manchmal mit Wikingerhelmen, aber immer mit Schals. Keine vier Kilometer entfernt soll es heute Abend zum großen Spiel kommen, auf das die Dänen wochenlang hingefiebert haben. Im Parken tritt Dänemark gegen Schweden an, was an sich schon immer ein besonderes Spiel für die Dänen ist, dieses Mal geht es sogar um die direkte Qualifikation für die WM. Das wollen auch wir nicht verpassen und entscheiden uns dafür, das Spiel in einer Bar anzugucken, also so richtig mit Stimmung, Spannung, Leinwand und Beamer. Da wir nicht so weit laufen wollen, suchen wir die brasilianische Bar auf, die quasi um die Ecke liegt und heute nur halb gefüllt ist.

In der brasilianischen Bar läuft natürlich Fußball

In der brasilianischen Bar läuft natürlich Fußball

Das Spiel an sich ist eher langweilig, ab und zu taucht mal ein dänischer Spieler vor dem gegnerischen Tor auf, was man auch ohne hinzuschauen an dem gelegentlichen Aufschreien der Besucher im Lokal feststellen kann. So richtig Stimmung bricht aber gegen Ende des Spiels aus: Jakob Poulsen versenkt den Ball trocken rechts unten im Eck, die Menschen im Lokal springen auf und feiern das Tor. Kurz nach Spielende so ziemlich die gleiche Situation: die Menschen liegen sich in den Armen, Dänemark ist qualifiziert und alle sind glücklich.

Fehlt noch das traditionelle Abendessen am Sonntag. Heute: Lasagne. In unserer Runde fehlen allerdings zwei Stammgäste, Martin ist nach Deutschland geflogen, um den Geburtstag seines Großvaters zu feiern, und Moritz ist ebenfalls in einer seltsamen Aktion in sein Heimatland gereist. Unter der Woche war er plötzlich verschwunden, nur langsam und über Umwege erfuhr man von seinem Ausflug nach Hause.

Profis am Werk

Profis am Werk

Die „Ausfälle“ werden heute mit weiblicher Unterstützung kompensiert: Nina ist aus dem anderen Flur hergekommen und hat sogar Schokoladenkuchen als Nachtisch mitgebracht. Und natürlich ist Lotta dabei. Wir bauen uns zunächst in zwei Töpfen eine Bechamel-Sauce und den Hackfleischteil nach der bewährten Methode zusammen. Das kommt dann in eine Auflaufform, unterbrochen durch die Lasagnenudelplatten, die wir aus den Supermarkt-Fertigpackungen nehmen (die Lasagne komplett aus der Fertigmischung zu kochen ist völlig unter unserem Niveau, eine Beleidung für das traditionelle Abendessen und geht mal gar nicht!).

Am Ende ist das Ganze mal wieder richtig lecker. Wir lassen es uns schmecken und unterhalten uns ausnahmsweise wieder über das Essen und den großartigen Schokoladenkuchen.

Mit diesem eher klassischen Abschluss endet auch das Wochenende, für mich beginnt allerdings die Urlaubszeit, schließlich ist Lotta hier :) .

Sonntag IV

2009 Oktober 6
von Der Nils

(Ich häng leider eine Woche hinterher, entschuldigung ;) )

Es ist Wochenende. Was macht man am Wochenende, wenn der bekannteste (oder besonderste) Teil der Stadt Geburtstag hat?

Man geht feiern. Und zwar richtig! Den ersten Teil des Abends kann man sich bei Martin anschauen, der in dieser Nacht ein wenig reizüberflutet durch Christiania gelaufen ist.

Ich mach einfach mal an der Stelle weiter, bei der er ausgestiegen ist und verändere den Erzählstil in die Gegenwartsform.

Nebelparty

Nebelparty

Der Festivalplatz ist einfach eine große Wiese neben einem Backstein-Reihenhaus. Alles ist darauf getrimmt, dass es so eine Art Riesendisco sein soll. Um den Platz herum sind einige Nebelmaschinen verteilt und die Raucher unter den Besuchern, die hier die Mehrheit stellen, tun ihr Übriges. Alles ist in einen feinen Nebel gehüllt, durchschnitten vom Laserlicht, das von der Bühne in Richtung Zuschauer gestrahlt wird und bunte Muster auf die Menge oder die umliegenden Bäume zeichnet.

Auf der Bühne legt besagte Band eine entspannte, wortkarge Performance hin. Sie hört auf den Namen „Laid Back“ und die Musikrichtung geht als (ich hab nachgeguckt) Synthie-Pop durch. Ich bewege mich nicht sonderlich viel, sondern beobachte lieber die Menschen um mich herum und den Kürbis, der durch die Reihen gereicht wird, dabei eine beachtliche Flugstrecke zurücklegt und am Ende mit Wucht auf dem Boden zerschmettert wird. Als das Konzert sich seinem Ende nähert, spielt die Gruppe ihren größten Hit, „Sunshine Reggae“ und der Bereich vor der Bühne wird plötzlich ziemlich voll. Alle möglichen Menschen strömen nach vorne, wippen fröhlich vor sich hin und sonnen sich im gelben Licht, das von der Bühne strahlt.

Nach diesem Lied entscheidet sich unsere Gruppe dazu, einen Zwischenstopp beim Getränkestand einzulegen und anschließend auf Entdeckungsreise zu gehen, um einen neuen Platz mit interessanter Musik ausfindig zu machen. Wir laufen wieder in Richtung „Freilichttheater“, wo inzwischen das Musiktempo ein bisschen angezogen wurde. Der Platz hat sich ein wenig gelichtet, es sind aber immernoch eine Menge Menschen dort. Einige haben sich zusammen ein gemütliches Lagerfeuer gebaut. Es herrscht eine etwas wunderliche, gruselige Atmosphäre mit den größtenteils eher dunkel angezogenen Gestalten und den bunten Lichtern, die die Bäume zu farbigen Skulpturen werden lassen.

Eine richtig fette Geburtstagsparty

Eine richtig fette Geburtstagsparty

Wir finden jedoch quasi direkt daneben ein Holzhaus, in dem anscheinend richtig gefeiert wird. Dieses Gebäude hat eindeutig den Namen „Partyschuppen“ verdient. Es sieht mit seinen Holzwänden und dem Wellblechdach sehr zusammengezimmert aus, hat aber trotzdem das Format einer kleinen, schiefen Halle. Die Sperrholz-Rampen, die sich zu einer großen Grube zusammenschließen, verraten, dass es sich tagsüber um eine Skaterhalle handelt. In dieser Nacht wurde jedoch oben rechts in der Ecke auf der Anlauframpe ein DJ-Pult aufgebaut, drumherum stehen einige junge Menschen und hüpfen zum schnellen Beat. Wer gerade keine Lust auf das Tanzen hat, steht um die Grube herum an den bunten Graffiti-Wänden oder sitzt auf der Copingkante und schaut den anderen zu.

Das Tanzen besteht hier eher aus einem schnellen Hüpfen, denn wir sind hier direkt auf einer fetten Drum-n-Bass-Party gelandet. Auf der Rampe springt andauernd ein hyperaktiver MC auf und ab und brüllt Sätze wie „Put your Hands up!“ oder „Make some noise!!“ ins Mikrofon. Sein Freund mit dem anderen Mikro hat manchmal auch was zu sagen und rappt gelegentlich ein paar Zeilen über die Breakbeats.

Nach den ersten paar Songs, die wir mitbekommen, findet ein fliegender DJ-Wechsel statt und der neue kann zeigen, was er drauf hat. Ein einfaches Aneinanderreihen von Songs ist ihm einfach zu langweilig, also widmet er sich seiner Lieblingsbeschäftigung: Reggae-Stücke doppelt oder dreimal so schnell abspielen und mit einem Drum-n-Bass-Beat unterlegen. So kommt auch meine Lieblingsband „Seeed“ in den Mixer des Jockeys, der andauernd Platten wechselt, an Knöpfchen dreht und dabei immer eine Zigarette im Mundwinkel hat. Maximal eine Minute lässt er das so laufen, dann kommt das nächste Stück. Zwischendurch noch ein bisschen „The Prodigy“ und die Menge kennt kein Halten mehr.

Irgendwann sind wir jedoch auch ziemlich kaputt und entscheiden uns dafür, nach Hause zu gehen. Auch eine großartige Partynacht muss irgendwann vorbei sein…

Nun ist es dann wieder Sonntag Nachmittag und in unserem Heimatland ist ein wichtiger Tag. Die Bundestagswahl steht an und das gilt selbst bei uns Freiwilligen im fernen Kopenhagen als Ereignis, das man nicht verpassen sollte. Zum Glück gibt es eine deutsche Gemeinde und eine deutsche Botschaft, die zu einer Wahlparty geladen haben.

Diesmal eine Wahlparty

Diesmal eine Wahlparty

Wir sind so ziemlich die ersten, die im „Christian V – Saal“ der Kirche erscheinen. Es ist eine Leinwand und ein Beamer aufgebaut, daneben stehen einige Stuhlreihen. Unser größtes Interesse gilt jedoch den Buffet-Tischen, die gedeckt sind mit Käse- und Wurstbrot, Salzstangen und Keksen, deutschem Wein und deutschem Bier. So vertreiben wir uns die Zeit, bis die mit Spannung erwartete 18:00 Uhr Prognose auf dem Bildschirm erscheint. Der inzwischen gut besuchte Saal, der Sekunden vorher noch so mit Geprächen erfüllt war, dass man den Ton der Übertragung nicht wahrnehmen konnte, wird plötzlich mucksmäuschenstill, alles starrt auf die Leinwand.

Als die Balken im Diagramm hochschnellen, zeigt sich im Raum keine merkliche Reaktion. Erst als die Prognose für Brandenburg ein gleiches, starkes Ergebnis für SPD und Linkspartei anzeigt, geht ein lautes Raunen durch die Reihen. Danach wird es noch lauter als vorher, weil alle über die Prognose reden und das völlig durcheinander. Es wird erst zur Hochrechnung und zu den Statements der SPD-Chefs wieder leiser. Wir Freiwillige sind in der Bewertung des Ergebnisses gespalten, einige sind zufrieden, andere gar nicht.

Martin schneidet gerade die Ecke ab, an der er den Beutel festhält...

Martin schneidet gerade die Ecke ab, an der er den Beutel festhält...

Wieder zu Hause geht es ans traditionelle Abendessen. Heute: Ratatouille mit Reis. Etwas rein vegetarisches. Dazu bauen wir uns eine Mixtur (nach bewährter Methode) aus verschiedenen Gemüsearten, unter anderem wandert eine Aubergine zum Anbraten in die Pfanne. Für einige in der Küche ist es die erste Begegnung mit dieser gummiartigen Frucht. Das ganze wird dann gewürzt und mit Tomatenmark gekocht. Der Reis wird bei uns in Beuteln zubereitet, an denen sich Martin dann abarbeiten darf. Seine Herangehensweise beschreibt er so: „Eine alte Weisheit besagt: Schneide nie den Reisbeutel an der Ecke auf, an der du ihn festhälst!“ Was ihn jedoch nicht davon abhält, es trotzdem zu tun.

Am Ende wird jedoch ein leckeres Mahl daraus und bekommt als Bewertung 8 von 10 Punkten, die Maximalpunktzahl für ein Gericht ohne Fleisch.

Die Unterhaltung am Tisch dreht sich natürlich ums Essen und wir veruschen ein neues, gerechtes Finanzierungssystem für das Sonntagabendessen auf die Beine zu stellen.

Mhhh.... lecker!

Mhhh.... lecker!

Mit diesem vegetarischen Abschluss endet dann auch wieder das Wochenende und ein neuer Arbeitstag kann beginnen.

Freizeit

2009 September 29
von Der Nils

Ich habe mir gedacht, dass nur Arbeit und in die Stadt gehen ja auf die Dauer langweilig werden könnte. Also habe ich mich ein wenig umgeschaut und -gehört und angefangen, meine Freizeit zu planen.

Erster Gedanke: Du brauchst Sport! Soll glücklich machen und ist ja außerdem noch gesund. In meinem vorherigen Leben hab ich das immer mit Handball gemacht. Das war dann nicht immer so gesund, dafür aber richtig spaßig.

Also mache ich mich auf, eine Handballspielmöglichkeit in Kopenhagen zu suchen. Auf dem Seminar hat uns Anne-Marie etwas von der USG erzählt. Das ist die Studentensportgemeinschaft, bei der man alles von Bauchtanz über Fußball und Klettern bis zum Professionell-Frisbee machen kann. Also machen Martin und ich uns eines Nachmittags auf den Weg zu deren Büro in Nørrebro. Martin hat sich für Volleyball entschieden und wählt den Anfängerkurs, mir wird von der freundlichen Dame am Thresen eröffnet, dass der Handballkurs leider voll ist und ich nur auf die Warteliste gesetzt werden kann. Ich habe in dem Moment gerade nicht so viel Lust, eine komplett neue Suche nach einem Handballclub zu starten, also erkläre ich mich damit einverstanden und wähle als Übergangslösung den Basketballkurs – ganz mutig auf Fortgeschrittenen-Niveau.
Nun fahre ich also jeden Montag direkt nach der Arbeit mit dem Fahrrad durch die halbe Stadt zum Training. Die USG besitzt einen ganzen Komplex aus verschiedenen Sporthallen, mein Kurs findet in der sogenannten „Idrætshallen“ statt. Die hat den Charme einer etwas älteren Schulsporthalle mit Sperrholztüren, ist aber sonst bestens zum Spielen geeignet.

Trainingsraum 1: Idrætshallen, Nørrebro

Trainingsraum 1: Idrætshallen, Nørrebro

Beim ersten Montagstraining komme ich also in die Halle und schnappe mir einfach mal einen Ball. Die anderen haben das bereits getan und werfen entspannt ein paar Körbe oder laufen ein paar Aufwärmrunden. Ich stelle mich unter einen Korb und versuche nicht großartig aufzufallen (das gelingt mir nie besonders gut). Plötzlich hört man einen lauten Ruf, wir sollen uns am Mittelkreis versammeln. Ein asiatisch aussehender Student setzt zur Begrüßung an. Er ist offensichtlich der Trainer. Ich schaue ihn ein wenig skeptisch an, denn er ist nicht gerade von überragender Statur, er geht mir gerade bis zur Brust.

Zum Glück erzählt er alles auf Englisch, wie ich später herausfinde liegt das allein an mir. Ich bin der einzige fremdsprachige Teilnehmer, ich bin daran Schuld, dass alle immer ein bisschen mehr über die Kommandos des Trainers nachdenken müssen und ich sorge allein durch meine Anwesenheit für eine Menge Missverständnisse durch falsch verstandene Anweisungen… so viel dazu.

Die Einheit geht aber dann ganz gut über die Bühne, es wird ein bisschen Stellungsspiel, ein bisschen „Screening“ und ein wenig Defensive geübt. Am Schluss lädt uns Trainer Guo zu den anderen Basketballmöglichkeiten der Woche ein: Freitags ist freies USG-Training, zu dem alle Basketballer, die bei der USG eingeschrieben sind, kommen können. Also auch die aus den „Profi-Kursen“. Da kann man also allein durch Zugucken noch einiges lernen.

Das probiere ich dann auch direkt aus. Nach kurzem Aufwärmen werden dort einfach irgendwie Mannschaften aufgeteilt und es geht los, jede Mannschaft spielt mal gegen jede andere. Ich merke schnell, wo ich gelandet bin: Aus meinem Fortgeschrittenenkurs sind vielleicht ein oder zwei hergekommen, das Gros der Spieler hat eindeutig mehr Erfahrung. Gegen meine Gegenspieler habe ich teilweise nicht den Hauch einer Chance, wieselflink flitzen sie um mich herum, in der Offensive wird mein Wurfversuch drei Mal geblockt (obwohl ich so ziemlich der Größte in der Halle bin) und die Lieblingsbeschäftigung der Gegnermannschaft lautet meistens: Ball abluchsen, zum anderen Korb sprinten und die rostige Anlage mit einem Dunk gegen die Wand schmeißen.

Mittendrin spielt mein Trainer mit, der mir eindringlich zeigt, dass man Menschen nicht nach ihrem Äußeren beurteilen sollte. Wenn er dazu Lust hat, springt er einfach mal an den Korbring und hält sich dort fest, holt einen Überkopfpass von seinem 1,95m-Gegenspieler aus der Luft und dribbelt jeden einzelnen Spieler der anderen Mannschaft aus, um dann mit einem Korbleger abzuschließen.

Zwischendurch habe ich aber auch die ein oder andere glückliche Sekunde und schaffe es sogar einmal von der Dreier-Line aus vollem Lauf einen Korb zu machen.

Die dritte Möglichkeit Basketball zu spielen liegt auf Amager, genauer gesagt in der Sporthalle einer Schule in Amagerbro. Sonntags treffen sich dort Guo und ein paar seiner Freunde zu ein paar Partien. Die Sporthalle hat exakt die Länge eines Handballfeldes ist aber recht hoch geraten, mit den Backsteinwänden sieht sie ein wenig wie eine alte Fabrikhalle aus.

Mich empfängt so etwas wie eine kleine Armee aus Asiaten, die alle so ziemlich die Größe von Guo haben. Dazu kommen noch zwei eher europäisch aussehende Mitspieler. Einer davon wirkt mit seinem Trikot und seiner bulligen Statur so, als hätte er sich direkt von einem Handballspiel hierher verirrt. Die folgenden anderthalb Stunden bestehen dann zumeist aus Rennen, weil ich entweder meinem Gegenspieler in der Defensive folgen muss oder einen Konter laufe. Mir werden verständlicherweise andauernd hohe Pässe zugespielt und bei den Rebounds nutze ich ganz dreist meine „überragenden“ Vorteile, die sich hier schon manchmal an der Grenze zur Unfairness befinden. Trotzdem ist das Spiel recht ausgeglichen und es macht eine Menge Spaß.

Sport ist aber nicht alles im Leben. Um meine Freizeit noch ein wenig mehr vollzuplanen, habe ich ein Angebot des Diakonissestiftelsens angenommen. Zusammen mit ein paar anderen des Freiwilligenprogramms singe ich jeden Dienstag.

Trainingsraum 2: Emmauskirken, Frederiksberg

Trainingsraum 2: Emmauskirken, Frederiksberg

Und zwar im Gospel-Chor. Zuerst war ich dort der einzige männliche Sänger. Inwischen habe ich aber mit Johann, Moritz und Raphael Verstärkung bekommen. Insgesamt sind wir vielleicht 25 Leute, die altersmäßig breit gefächert sind. Schauplatz ist die Emmauskirke, geleitet wird der Kurs von der „Chefsängerin“ und ihrem Begleiter am Klavier, der uns Jungs auch beim Tenorstimmensingen unterstützt.

Die Chorleiterin entspricht so ziemlich dem Bild einer Gospel-Sängerin: Etwas kräftiger gebaut, meistens in etwas gewandartigen Klamotten gekleidet… und eine unglaubliche Stimme. Als sie zum ersten Mal zu einer kräftigen Melodie ansetzt, wird es mucksmäuschenstill in der hellhörigen Kirche, alle starren gebannt auf die Sängerin und ich bin so baff, dass ich für ein paar Sekunden nicht auf meine Mimik achte und einfach nur erstaunt dastehe.

Die zwei Singstunden beginnen jedes Mal mit Aufwärmübungen. Dazu stellt sich die Gruppe im Halbkreis um die Leiterin auf und macht ihre Bewegungen nach. Unter anderem ein wenig Hula-Hoop-Hüftenschwingen und Gesichtsmuskeln entspannen, das dann als Gesamtbild fast genau einer Rinderherde gleicht, die gerade das Mittagessen wiederkäut. Kurzum: Es sieht einfach affig aus.

Es geht aber eben nicht um das Aussehen, sondern um das Singen. Deshalb gehören zum Aufwärmen auch Tonleitern verschiedener Art, einen Ohrwurm-Kanon und gesungene dänische Sätze, die zwar alle möglichen Vokale enthalten, aber irgendwie keinen Sinn ergeben.

Danach geht es aber an „echte“ Gospel-Lieder. Die werden dann dreistimmig mit Sopran, Alt und Tenor gesungen. Dabei hat die Chorleiterin ihre Gruppe immer fest im Griff. Eine einzige Handbewegung reicht und eine Stimmgruppe oder gleich der gesamte Chor setzt an, hört auf, singt von vorne, wiederholt, macht weiter, oktaviert oder dreht sich einmal um sich selbst. Die Zeichen sind ganz praktisch, denn sonst wird in diesem Chor ausschließlich Dänisch gesprochen. Bei einem neuen Lied singt sie vom Blatt (mit ein wenig Hilfe vom Klavier) die jeweilige Stimme vor und wir versuchen dann, das nachzusingen und dann hoffentlich auch die Tonlage zu treffen, wenn alle gemeinsam singen.

Der Pianist spielt dazu die gewünschte Begleitung oder eine gerade geforderte Melodie für eine Stimmlage. Und singt ganz nebenbei die Tenorstimme, damit das Gesamte halbwegs ausgeglichen klingt.

Das mache ich jetzt also in meiner Freizeit. Dazu kommt jetzt bald noch ein Sprachkurs, sodass ich bald auch nicht mehr an Missverständnissen Schuld bin, die Singanweisungen verstehe, mit den Menschen im Café philosophieren kann und meine freie Zeit völlig verplant habe.

Sonntag III

2009 September 24
von Der Nils

Es ist Wochenende. Was macht man am Wochenende in einer großen Stadt voller Möglichkeiten?

Man erkundet sie. Am Freitag geht man erstmal ins Zentrum – und läuft auf einer Kreuzung einem kleinen Aufruhr über den Weg. Helles Licht scheint einem entgegen und ein Mensch in einer quietschgelben Warnweste deutet an, dass man hier auf dem Fahrrad nicht weiterkommt. Also steigen wir ab und laufen ein wenig außen herum, um zu sehen, was da überhaupt passiert. Das Licht stammt von einem großen Scheinwerfer, in dessen Lichtkegel ein Paar in schicken, schwarz-weißen Designer-Klamotten auf einem Zebrastreifen steht. Auf der anderen Straßenseite hockt ein Fotograf und Crew mitsamt einem Hubwagen.

Der Laufsteg ist heute gestreift

Der Laufsteg ist heute gestreift

Das Pärchen ist nun minutenlang damit beschäftigt, einfach nur drei Schritte auf der Fußgängerquerung vor und zurück zu gehen, wie ein Pendel bewegen sie sich im Scheinwerferlicht über die Straße. In kurzen Unterbrechungen werden einige Autos über die Kreuzung gelassen und eine Gehilfin hastet herbei, um den luftigen Frisuren der Models mit Haarspray wieder ein wenig mehr Form zu geben. So entstehen also Modefotos. Mitten in der Nacht auf einem Marktplatz in Kopenhagen.

Am Samstag folgen wir dann der Einladung von Ramon (ein spanischer Freiwilliger) und fahren in die „Global“-Konzerthalle nach Nørrebro. Dieser Stadtteil hat nicht gerade den besten Ruf, wenn man dort einmal in der Nacht Fahrrad gefahren ist, wird man von den anderen Freiwilligen direkt gefragt, wie es denn dort sei. Das mag damit zusammenhängen, dass in den letzten Monaten von Schießereien zwischen verschiedenen Banden berichtet wurde. Aber solange man nicht zu einer der Gangs gehört, lebt man dort relativ sicher. Nur ein leichtes mulmiges Gefühl bleibt beim Vorbeifahren an dunklen Straßenecken.

Rauxa spielt gerade Tango-Latin-Pop

Rauxa spielt gerade Tango-Latin-Pop

An diesem Abend spielt im „Global“ die Band „Rauxa“ aus Spanien. Angekündigt ist der Musikstil als Rumba Fusion. An den klassischen Tanzunterricht-Rumba erinnert aber maximal der Grundbeat. Alle möglichen Musikstile werden eingearbeitet und am Ende ergibt sich eine feine Mischung zum Mitwippen und -tanzen.

Nun ist es schon wieder Sonntag Morgen… nein, Sonntag Mittag ist es. Ich schlurfe etwas verschlafen in Richtung Bad, da fällt mir Moritz in der Küche auf. Er rührt gerade ein wenig in seinem Tee herum. Als er mich sieht, sagt er: „Du bist der erste lebende Mensch, der mir heut begegnet!“ Vorher sind ihm schon der Waschmaschinenmann und andere Gestalten seines Flurs über den Weg gelaufen. Aber eben keine lebendige Person.

Ich mache mich dann auf den Weg nach Amager, das ist diese Insel unten rechts auf den Kopenhagen-Karten, auf der ein Teil von Kopenhagen und der Flughafen liegt (was ich da wollte, erzähl ich ein Andermal ;) ). Nun hatte ich mich für Danach mit den Anderen zum Picknicken verabredet. Blöd für mich ist nur, dass die sich als Picknickplatz den Strand von Charlottenlund am Nordend Kopenhagens ausgesucht haben – eine ganz andere Ecke. Ich entschließe mich dazu, mein Fahrrad wieder zum Stift zu bringen und dann S-Bahn und Metro nach Charlottenlund zu nutzen. Dort angekommen stellt sich mir allerdings das nächste Problem: Der Bahnhof liegt irgendwo mitten im Wald und ich soll jetzt zum Strand finden. Die Anderen können mir am Handy auch nicht weiterhelfen, weil sie mit dem Fahrrad aus einer ganz anderen Richtung gekommen sind.

grünes Kopenhagen: Charlottenlund

grünes Kopenhagen: Charlottenlund

Ich gehe also relativ hilflos zum Bahnhofsausgang… bis mich plötzlich der Jugendliche anspricht, der schon eine Zeit vor mir hergelaufen ist: „Kann ich helfen?“, fragt er lächelnd. Ich schaue ihn erst ein wenig verdutzt an. Und begreife dann ganz langsam, dass ich gerade wahnsinniges Glück habe. Der einzige Mensch, der hier weit und breit im Wald zu sehen ist, ist erstens Deutscher und wohnt zweitens noch in der Gegend und kann mir helfen.

Er ist Austauschschüler aus Berlin und wohnt seit zwei Monaten in Charlottenlund. Wir gehen ein wenig durch den Stadtteil, der außergewöhnlich grün geraten ist, und er erzählt mir von seiner Aufenthaltsgenehmigung, die er schon nach drei Tagen bekommen hat (ich muss darauf bis heute warten…). Bald trennen sich unsere Wege wieder und ich finde die Anderen, die es sich auf einer grünen Wiese am Strand gemütlich gemacht haben.

Kann ihm mal jemand erklären, dass das so nicht funktioniert?

Kann ihm mal jemand erklären, dass das so nicht funktioniert?

Wir beobachten ein wenig die herumrennenden Kinder, die sich englische Kommandos zuwerfen und beim Versteckspielen allen Ernstes versuchen, sich hinter einem handbreiten Baum zu verstecken. Dazu läuft noch ein Paar mit Hund über die Wiese. Der Hund soll einen geworfenen Ball zurückbringen, rennt allerdings nur ständig im Kreis vor dem Paar her. Die müssen sich dann auch noch nichtmal zum Ball bücken, falls der Hund den dann doch zurückbringt, schließlich haben sie ein Ballaufhebegerät dabei… Mir schießt plötzlich die Frage durch den Kopf, wie faul Menschen eigentlich sein können.

Wieder zurück zu Hause versuchen wir (unsere Runde mit Johann, Moritz, Martin, Thibaut und ich) uns am traditionellen Abendessen. Heute: Borschtsch aus Russland, nach einer Idee von Johann. Dazu hat er schon am Mittag zwei Gläser mit der Aufschrift „Borschtsch“ gekauft, dazu kommen dann noch Kartoffeln. Die Zutaten werden nach der bewährten Methode zusammengemixt und das Ganze am Schluss mit Crème fraiche serviert. Richtig lecker! Die Unterhaltung am Tisch dreht sich natürlich um das Essen und wir schwelgen in Erinnerungen über das fast schon legendäre Jägerschnitzel aus der allerersten Sonntagsrunde, was damals nach einer längeren Zeit der Entbehrung ein Festmahl bedeutete.

Dazu noch ein wenig Musik und der Koch ist zufrieden.

Dazu noch ein wenig Musik und der Koch ist zufrieden.

Mit diesem gelungenen Abschluss endet dann auch wieder das Wochende und ein neuer Arbeitstag kann beginnen…

Alles Neu!

2009 September 22
von Der Nils

Und alles ist größer! Aber der Reihe nach:

Gang 5, wo ich vorher gewohnt hab.

Gang 5, wo ich vorher gewohnt hab.

Mein Leben hier verändert sich grad schon wieder ein wenig von der materiellen Seite her. Anne-Marie hat mich eines Tages beobachtet, wie ich durch unseren Gang gelaufen bin. Und beschlossen, dass das so nicht weitergehen kann. Jedes Mal, wenn ich von meinem Zimmer zur Küche oder woanders hinlaufen wollte, musste ich fünf Mal meinen Kopf einziehen. Also zehn Mal für Hin- und Rückweg. Das lag an den Dachbalken, die quer über den Gang gespannt sind, und zwei Türen, die überhaupt nicht für große Menschen gedacht sind. Gegen die niedrigere von beiden bin ich dann auch jeden Tag mindestens einmal aus Unachtsamkeit gegengelaufen.

Also hat Anne-Marie ein paar Hebel in Gang gesetzt und nachdem ein Zimmer in Gang 1 freigeworden ist, durfte ich dann umziehen. Mein neues Zimmer ist mindestens doppelt so groß, hat einen schicken, breiten Schreibtisch und liegt nur knapp fünf Schritte von der Küche entfernt. Nahrung ist also auch gut zu bekommen. Damit wohne ich jetzt auf dem „offiziellen“ Freiwilligengang mit Leuten aus aller Welt (oder zumindest Europa). Stabiles Internet gibt es auch, dafür ist es leider nicht so schnell…

Mein neues Fahrrad

Mein neues Fahrrad

Das andere Neue ist mein Fahrrad. Mein etwas angerostete Damenrad hat Moritz bekommen, weil er sich auf seinem vorherigen nicht so wohl gefühlt hat. Ich fahre jetz so etwas wie eine Mischung aus Renn- und Straßenrad mit Schmalreifen und Hartsattel, der Rahmen ist garantiert auch aus irgendeinem Leichtmetall gefertigt. Dazu passend ist die Gangübersetzung: Recht schwerfällig wenn ich langsam fahre, sodass ich an der Ampel regelmäßig stehengelassen werde, was ich dann auf dem Weg zur nächsten wieder aufholen darf. Dafür fährt es sich bei mehr Geschwindigkeit umso besser.

Mein neues Zimmer

Mein neues Zimmer

Mein Zimmer müsste ich jetzt nur noch häuslich einrichten, der Wäschehaufen da hinten unterm Fenster geht ja eigentlich gar nicht. Mal sehen, was ich in Kopenhagen so zum Einrichten finden kann.

Erst einmal ist aber ein schickes Paket aus Deutschland gekommen. Darüber mach ich mich jetzt mal her!

Sonntag II

2009 September 17
von Der Nils

Der Einkaufszettel für Chili-Suppen-Dings

Der Einkaufszettel für Chili-Suppen-Dings

(ein kleiner Nachtrag)

Es ist Wochenende. Was macht man am Wochenende in einem großen, geheimnisvollen Haus?

Erstmal lange nichts. Dann kauft man für den Abend ein und dann ist auch schon Martin da. Unsere kleine Runde bestehend aus Johann, Moritz, Martin und mir hat sich an diesem Tag wieder verabredet, um sich ein Abendessen zusammenzubauen.

Diesmal soll es Chili con Carne oder zumindest sowas in die Richtung sein. Also eine scharfe Suppe. Die Zutaten werden nach der bewährten Methode (großzügig Schätzen) abgemessen und zusammengemixt. Zwischendurch taucht auch irgendwie Thibaut auf und beteiligt sich an der Mutprobe, die bei einem scharfen Gericht natürlich auf der Hand liegt: Chilischoten essen. Ich beschränke mich dabei lieber aufs Zugucken.

Scharf!

Scharf!

Gegen solch einen Geschmack auf der Zunge ist das fertige Gericht natürlich ein Klacks, auch ich kann es ertragen und alle sind mal wieder überrascht und erstaunt, wie so ein gutes Essen nur gelingen konnte.

Damit ist also der Bauch zufrieden gestellt, man kann sich nun also wichtigeren Dingen widmen. Der Zukunft Deutschlands zum Beispiel. Zufällig hab ich irgendwo im Internet mitbekommen, dass es an diesem Sonntag zum Kanzler-Fersehduell kommen soll. Die Leute aus den ZDF-Nachrichten haben es ungefähr so formuliert: „Wenn Sie sich in den letzten Tagen nicht gerade auf hoher See ohne irgendwelche Kommunikationsmittel befunden haben, werden Sie sicherlich mitbekommen haben, was am Sonntag Abend ansteht.“ Kopenhagen liegt also anscheinend irgendwo im Pazifik…

Nun bleibt allerdings noch ein Problem: Wie können wir dieses Fernsehereignis verfolgen? Mein eigenes Zimmer fällt schonmal aus, da bricht das Internet andauernd zusammen, weil es sich einfach zu weit vom Sender weg befindet. Und auf dem anderen Flur ist das Internet zu langsam, um einen halbwegs ordentlichen Livestream auf die Beine stellen zu können.

Johann hatte bei sich im Zimmer aber schon vorher mal eine Fernsehantenne entdeckt, die einfach aus der Wand kommt. Woher wissen wir nicht. Uns wurde irgendwann mal erzählt, dass man in Kopenhagen deutsches Fernsehen empfangen kann, also gibt es Hoffnung! Fehlt nur noch der Fernseher.

Der auch verbotene "Joist Attic"

Der auch verbotene "Joist Attic"

Doch die Erinnerung hilft mal wieder: Wir hatten auf dem Seminar einige Einheiten im „Joist Attic“, sowas wie ein zum Versammlungsraum umfunktionierter Dachboden. Das sollte eigentlich auch das Wohnzimmer von uns ausgelagerten Jungs auf Gang 5 werden, denn es ist nur durch eine Tür von unserem Gang getrennt. Wurde es aber nicht, denn die Chef-Reinigungskraft hatte irgendwas dagegen. Den Raum dürfen wir durch besagte Tür natürlich nicht betreten, der Durchgang ist strengstens untersagt.

Das hindert uns allerdings nicht daran, einfach da reinzustiefeln und uns den Ferseher zu nehmen, der dort relativ verloren sein Dasein fristet. In Johanns Zimmer wird der nun an das Kabel angeschlossen und wir versuchen, irgendwelche Fernsehsender zu finden. Wir kommen am Ende auf anderthalb dänische und geben vorerst auf.

exklusives Bildmaterial: der verbotene Korridor!

exklusives Bildmaterial: der verbotene Korridor!

Johanns Erinnerung schlägt jedoch noch einmal zu: Als furchtloser Abenteurer hat er sich eines Nachmittags in den verbotenen Korridor aufgemacht und nahezu alles durchwühlt, was er finden konnte. In einem Raum hing ein Ferseher an der Wand – mit Fernsehantenne. Nach einem kurzen Check, ob das Ding auch funktioniert, finden wir heraus, dass der Strom im verbotenen Korridor nicht abgeschaltet ist. Eine gute Vorraussetzung bei all den Kabeln, die da einfach so aus den Wänden hängen…

Jedenfalls wird die Antenne einfach mitgenommen und auf unserem Gang ausprobiert. Das Signal ist wesentlich besser, bei deutschen Fersehsendern herrscht jedoch immernoch Fehlanzeige.

Mehr oder weniger aus Verzweiflung schnappe ich mir dann meinen Laptop und setze mich einfach mal in den Joist Attic. Die Verbindung ist dort am Fenster schonmal besser als in meinem Zimmer und dürfte zu meiner Überraschung sogar für eine passable Übertragung reichen – jetzt fehlt allerdings ein Streamangebot.

Die vier übertragenden Fernsehsender aus Deutschland haben sich dazu entschieden, eine alles überrollende Fernseh-Berichterstattung zu machen, im Gegenzug dazu das Internet aber einfach mal gar nicht zu bedienen. So finde ich nach langem Suchen auf der Seite von Phönix einen Stream für gehörlose Menschen. Martin ist auch irgendwie noch da und wir können uns dann endlich die zweite Hälfte des Duells angucken. Die beiden haben da aber irgendwie keine Lust, sich gegenseitig so richtig zu attackieren und müssen sich eher gegen die Moderatoren wehren. Martin und ich unterhalten uns dann irgendwann lieber selber über das, worum es da eigentlich themenmäßig im Duell gehen sollte.

Ich weiß nicht, ob sich der ganze Aufwand dafür jetzt gelohnt hat, ich hab dafür immerhin acht Mal ein Verbrechen gegen die Hausordnung begangen… Aber ich weiß jetzt wenigstens, wo ich Internetfernsehen gucken kann!