Malmö
Manche Menschen behaupten, die beiden einzigen Sehenswürdigkeiten von Malmö sind der verdrehte Glasturm und Kopenhagen auf der anderen Seite des Øresunds. Aber es liegt in Schweden und ist damit ein Grund für uns Fast-Dänen mal ein wenig fremdes Land zu erkunden. Das ist seit einigen Jahren recht einfach. Irgendwer hat mal eine Hängebrücke ins Wasser zwischen Amager und Schonen gestellt, die man noch aus 30 km Entfernung sehen kann. Seitdem dauert es ca. eine halbe Stunde vom Hauptbahnhof Kopenhagen bis zum Hauptbahnhof Malmö. Gerade genug Zeit um die Aussicht auf die Ostsee unter einem und die schwedische Landschaft zu genießen. Das erste, was man auf der anderen Seite sieht ist… ein riesengroßer IKEA-Markt.
Die Zeit reicht auch noch, um sich ein wenig über Schweden zu unterhalten. Glücklicherweise haben wir eine Expertin an Bord. Nina spricht Schwedisch als Muttersprache, allerdings in einem für schwedische Ohren seltsamen Dialekt. Zugegeben, wirklich unparteiisch ist sie nicht. Sie kommt aus Finnland und hat damit so etwas wie einen Kleiner-Bruder-Komplex entwickelt. Schweden gilt in so ziemlich dem gesamten Rest der Welt als das Land mit den höchsten Werten in Bildung, Gleichstellung, Sozialsystem, Gesundheitssystem und der Kategorie „Das Land, in dem ich später mal leben will“. Dementsprechend selbstbewusst sind seine Bewohner. Was den Nachbarn gehörig auf den Keks geht.
Nina erzählt die Geschichte von den Schildern am Stockholmer Flughafen, die die Stadt als „Hauptstadt Skandinaviens“ ausweisen. Der Schlusssatz ihrer Empörungsrede: „Wieso hat uns eigentlich keiner gefragt?“
Sobald es in irgendeiner Sportart zum Duell Finnland-Schweden kommt, ist die gesamte finnische Nation auf den Beinen und Triumphe werden dem übermächtigen Gegner noch jahrzehntelang aufs Brot geschmiert. So ähnlich wie bei uns das mit den Österreichern und Cordoba von vor 32 Jahren.
Kurzum: Nina mag Schweden nicht. Als wir in Malmö den Bahnsteig betreten, setze ich kurz zu einem „Wir sind da! Das gelobte Land!“ an und bekomme dafür ein barsches „Oh, Shut up!!“ zurück.
Jedenfalls schauen wir uns die Stadt und eine Kirche von innen an, essen Pizza, gehen shoppen und spielen ein wenig mit dem Projektor im Einkaufszentrum herum. Da wird nämlich ein Aquarium auf den Boden projiziert, das sogar Wellen erzeugt, wenn man auf die Fläche tritt. Und die Fische flüchten vor den aufstampfenden Füßen. Wir hüpfen und stampfen also ein wenig auf dem Boden herum, einer dieser Momente, in denen das innere Kind wieder durchbricht. Deshalb suche ich auch nicht so wirklich nach einer Erklärung, wie das ganze funktioniert, sondern beschließe, dass es irgendwie Zauberei ist.
Im Laufe des Tages stapfen wir über einen verschneiten Marktplatz, auf dem ein wenig verloren ein kleines, rotes Zelt steht. Dessen Bewohner ziehen eifrig die vorbeigehenden Menschen herein und erwischen auch unsere Gruppe. Mir ist da nicht ganz wohl bei und ich zögere eine ganze Weile, bevor ich schließlich den anderen hinein folge. Drinnen sitzen eine ganze Menge Leute in roten Jacken an Tischen, auf denen seltsame Apparaturen und ein Haufen Bücher stehen. Irgendwas in meinem Gedächtnis sagt mir, dass ich diese Dinger schon mal gesehen hab. Ich werfe einen genaueren Blick auf die Bücher. Ein Vulkan ziert das Cover, der Umschlagtext schwafelt etwas von DER Lösung für alle persönlichen Probleme durch entschlüsseln eines Energiekreises. Der Autor gibt meinem Verdacht recht: L. Ron Hubbard. Wir sind tatsächlich bei Scientology gelandet.
Die rote Völkchen möchte jetzt mit uns einen Stresstest machen und eine verblüffend große Anzahl von ihnen kann sogar deutsch. Ich werde an dieses Messgerät gesetzt und halte zwei Metallrohre in der Hand, auf dem Gerät fängt ein kleiner Zeiger an, nach rechts zu wandern. Der Kerl, der vor mir sitzt, erklärt: „Siehst du das? Dich bedrückt was, du hast Stress im Leben.“ Er fängt an mich auszufragen, ich antworte nur relativ einsilbig. Dann nimmt er eins der Bücher vom Tisch und lächelt: „Hier steht die Methode drin, mit der du alle deine Probleme lösen kannst. Hat mir Hunderte Stunden Nachdenken erspart.“ Ich nicke nur und sage: „Aha.“
Am Tisch nebenan nutzen Moritz und Wiebke ihre Chance wesentlich geschickter. Gekonnt wird das bemitleidenswerte Scientology-Mädchen in die Ecke argumentiert. Die weicht auf Fragen zum Buch und zum Leben nur aus und bald kommt heraus, dass sie gerade erst 16 ist und vor einem Jahr aus Deutschland nach Kopenhagen gezogen ist. Da hat die Scientology-Gehirnwäsche ganze Arbeit geleistet.
Den Rest des Nachmittags verbringen wir in einer Kaffeehauskette, in der wir so lange bleiben, bis wir hinauskomplimentiert werden müssen. Danach geht’s diagonal über den Platz in eine Bar und wir hyggen uns weiter. Diesmal allerdings mit alkoholischen Getränken. Ich teile mir mit Simone eine Karaffe Wein und weil es in dieser Bar draußen wärmer ist als drinnen, setzen wir uns natürlich in den umzäunten Außenbereich. Dass wir es so warm haben liegt an einem Wald aus Heizpilzen, der uns fast die Haare wegbrennt. Das läuft zwar komplett gegen all das, wofür wir im Dezember gekämpft haben, aber für einen einzigen Abend… Es hat einfach etwas total Gemütliches, im Warmen zu sitzen und dabei gleichzeitig im Schnee sein zu können und die Menschen über den Marktplatz laufen zu sehen.
Also: Malmö hat jetzt nicht unbedingt herausragende Sehenswürdigkeiten, ist aber ganz schick mit ein paar feinen alten Häuschen, die das Stadtbild verschönern. Und bietet genügend Möglichkeit für eine Flucht aus der gewohnten Umgebung und einen gemütlichen Ausflugstag.
[Den ganzen Malmö-Trip gibt es auch chronologisch, kompakt und pointiert bei Wiebke.]

