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Das Ende der Welt

29. März 2010

Martin war schneller. Deshalb solltet ihr unbedingt seinen Bericht der großen Reise lesen, der so wunderbar geschrieben ist, wie ich es wahrscheinlich nicht hinbekommen hätte. Hier entlang bitte. Ich baue da jetzt einfach mal meine Geschichte drumherum.

Manchmal muss man einfach aus der Stadt raus. Nach einer eine Weile wird einem der Lärm und die Enge, der ganze Trubel einfach zu viel. Besonders wenn man, so wie ich, aus der norddeutschen Tiefebene stammt. Ich wollte einfach mal wieder übers Land bis zum Horizont gucken können.

Ich setze mich also in einen Zug Richtung Jütland. Auf Fünen kommt Martin dazu, der den ersten Teil seiner Winterferien allein in Odense verbracht hatte und mir auf der Zugfahrt jetzt von abenteuerlichen Reisen seiner Zimmerkollegen, ausgedehnten Fahrradtouren und Seekühen erzählt. Und so wie er erzählt, gehen ganz schnell 4 Stunden oder im Zweifel auch ein paar Tage rum, ohne dass man das so richtig bemerkt.

Das Ziel unserer Reise ist Møltrup, eine Einrichtung auf dem Land in der Mitte von Jütland, um Alkoholabhängigen wieder auf die Beine und in ein geregeltes Leben zu helfen. Dort arbeiten Cosmin, Zoltan und Margit, die wir von den Seminaren kennen und die uns in ihrem Haus übernachten lassen.

Wir werden am Bahnhof von Zoltan und seinem alten Opel empfangen und machen eine kleine Tour durch Vildbjerg. Wir bekommen die Sehenswürdigkeiten der Stadt gezeigt: Zwei Supermärkte, eine kleine Straße mit Geschäften und die einizge Ampel im Umkreis von ca. 10 km.

Kuhstall Vildbjerg

Martin im Kuhstall

Møltrup ist nun so etwas wie ein Großbauernhof und ein kleines Dorf in sich selbst, was wir bei Zoltans Führung am nächsten Tag mitbekommen. Es gibt Wohnhäuser, die für ingesamt 120 Menschen reichen, ein Sägewerk, ein Kraftwerk, in dem Müll und große Stohballen verfeuert werden, Fertigungshallen für Pappe und Schmuckbehälter, eine Go-Kart-Bahn, ein Speisehaus, Ausnüchterungsräume und ein Kuhstall. In Letzterem steht heute für dessen Einwohner etwas Besonderes auf dem Programm: Nagelpflege. Dazu wird die Kuh in einem Gestell aufgehängt und die Hufe mit einem Winkelschleifer bearbeitet, während die anderen Kühe dahinter geduldig Schlange stehen.

Zoltan lässt uns dann allein, weil er zur Arbeit gerufen wird und wir erkunden das Gelände auf eigene Faust weiter. Wir laufen an der Sägerei und der Kartbahn entlang, bis der Feldweg so langsam in Richtung Nichts verläuft. Hier liegt eine Menge Gerümpel in Containern und Schuppen auf Haufen verteilt und ein paar Hunde bellen im Zwinger vor sich hin. Nur ein Element stört die Einsamkeit: Vor uns sitzt ein älterer Herr auf einem elektronischen Gefährt und versucht, mit einem Besen im Gestrüpp herumzustochern. Als er uns erblickt, fragt er im tiefsten Britisch, ob wir ihm ein Drahtgestell da herausholen können. Martin nimmt die Aufgabe an und kämpft sich von der anderen Seite durch einen Gerümpel-Container vor, während der Mann sozusagen zum Anfeuern immer wieder das Gestell im Busch erwähnt. Ich hab wieder meine Standard-Position eingenommen: Daneben stehen und nicht wissen, was ich machen soll. Martin schafft es schließlich und kann voller Stolz einen Taschenhalter mit drei Rädern übergeben. Der Mann bedankt sich, wünscht uns einen schönen Tag und fährt davon.

Kirche in Möltrup

Martin vor der Kirche

Wir erkunden den Landstrich ein wenig weiter und wagen uns in das nächste Dorf. Auf dem höchsten Punkt des Hügels finden wir eine der typisch dänischen Kirchen: weiß verputzt mit rotem Dach und Giebel in Treppenmuster, dazu ein paar schwarze Verzierungen und Jahreszahl. Zu unserer Überraschung ist sie offen. Ein wirkliches kleines Schmuckstück. Ich sitze ein wenig länger im Kirchenraum und schaue verträumt umher, während Martin schon durch ein paar versteckte Türen bis in den Kirchturm hinaufgeklettert ist. Die Fenster sind leider relativ verschlossen, dafür findet er die Steuerungsanlage für die Glocken. „Wenn ich hier draufdrücke, hört das Geläut nicht mehr auf…“

Der Rückweg wird mit Kühe anstarren verbracht, bevor wir bei Zoltan und Margit lecker Mittagessen und danach an die Westküste zum Strand fahren. Genau an den Punkt, an dem ich meinen ersten Dänemarkurlaub verbracht habe. Ganz typisch stehen Ferienhäuser in den Dünen verteilt, alles sieht aus wie damals. Nur anders, weil diesmal alles unter einer dicken Schneedecke liegt.

Ringköbing Strand

Martin am Strand

Sogar das Meer ist anders. Wesentlich bedrohlicher. Scharf ist es vom grellweißen Strand abgegrenzt und legt sich als dunkler Teppich bis zum Horizont. Dort verschwimmt es mit den Wolken, die sich hoch zu einer riesigen dunkelgrauen Wand auftürmen. Es sieht aus wie eine massige Gewitterfront, die auf das Land zurollt. Dagegen stemmen sich vom Land her die Wolkenmassen, die genauso weiß sind wie der Schnee, der sich über das Land gelegt hat.

Den Abend verbringen wir in einem Schwimmbad in Vildbjerg, das wir fast für uns alleine haben. Der nächste Morgen beginnt früh, wir machen uns wieder auf den Weg. Es geht weit in den Norden, genauer gesagt zum allernördlichsten Punkt Dänemarks: Die Stadt Skagen. Das Land wird immer flacher und das Schneetreiben immer dichter, bis alles vor dem Zugfenster in einer undefinierbaren weißen Suppe versinkt.

In Skagen beziehen wir das Untergeschoss bei einem netten Paar und machen uns auf, etwas von der Stadt zu sehen und vielleicht an den tatsächlich nördlichsten Punkt Dänemarks zu kommen. Das stellt sich jedoch als relativ schwierig heraus, weil inzwischen ein ausgewachsener Schneesturm über Skagen hereingebrochen ist. Am Stadtrand, dort wo es zum Strand geht, bläst es so stark, dass man sich bequem in den Wind lehnen kann, ohne umzufallen. Wir stehen am alten Leuchtfeuer, ein paar Radlader schieben Schnee von den Straßen und in der Ferne wirft der Leuchtturm sein diffuses Licht in den Nebel hinein. Es haben sich längst große Schneewehen gebildet und verwandeln das Land in eine weiße Wüste.

Am nächsten Tag wagen wir einen neuen Versuch. Es stürmt immer noch, also besuchen wir zuerst das Museum und hoffen auf besseres Wetter. Die Malereien erzählen vom Sommer in Skagen. Die Menschen auf den Bildern baden oder sitzen im Garten, während im Fenster direkt daneben der Schnee vorbeifegt und es sich Eiskristalle bilden.

Weg zur Nordspitze

Martin im Schneesturm

Es hilft nix, wir sind in Skagen, jetzt müssen wir auch bis zum absoluten Nordende laufen, sonst war das Ganze hier sozusagen umsonst. Der Weg dorthin erinnert mich an Dokumentationen aus der Arktis: Es stürmt heftig, der Schnee wird über die Straße geweht, es ist beißend kalt, wir versuchen dick eingepackt irgendwie vorwärts zu kommen. Als die Straße aufhört, finden wir ein verlassenes Häuschen, das im Sommer Touristen mit Würsten und Eis versorgen soll und suchen dahinter Schutz. So ungefähr würde „The Day After Tomorrow“ in Dänemark aussehen.

Durch die Dünen laufen wir zum Strand und weiter Richtung Nordspitze. Ein paar andere haben sich auch hierher gewagt und rufen uns zu, dass es verdammt windig ist.

Irgendwann sind wir dann tatsächlich da. Wir stehen auf einer Eisscholle und blicken auf das aufgewühlte Meer. Wir haben es geschafft, wir stehen am Ende der Welt (jedenfalls gefühlt). Von beiden Seiten laufen die Meere aufeinander zu und treffen sich auf einer Linie, die sich von unserer kleinen Landzunge in Richtung Horizont biegt. Ein Wellenkamm markiert die Grenze zwischen Nord- und Ostsee.

Der Rückweg ist mit Rückenwind natürlich wesentlich einfacher und bald sind wir in unserer Unterkunft und packen die Sachen für die Abreise. Ich habe gerade das Letzte verstaut und schließe den Koffer, da steht Martin in der Tür mit seinem Handy am Ohr. Er hat dieses Grinsen im Gesicht, das er immer aufsetzt, wenn etwas schiefgelaufen und es Zeit für Galgenhumor ist. „Der Zug fährt nicht.“ sagt er trocken. Wir sitzen fest. Eingeschneit am Ende der Welt.

Wir dürfen kostenlos eine weitere Nacht in der Ferienwohnung bleiben und wagen uns noch einmal zum Supermarkt nach draußen, bevor wir den Abend mangels Alternativen vor dem Fernseher verbringen.

Am nächsten Tag fahren die Züge tatsächlich wieder, allerdings mit einigen Schwierigkeiten. Der erste bleibt am Morgen im Schnee stecken, unser Zug schafft es nur mit ein wenig Anlauf aus den Bahnhöfen und vergisst einfach mal das Halten an einer Station, weshalb wir kurzerhand wieder zurückfahren müssen. Vor der Endstation bleiben wir noch ca. 10 Minuten in der Wildnis stehen und bekommen über die Lautsprecher Folgendes vom Lokführer mitgeteilt: „Ja, wir stehen hier und warten auf die Einfahrterlaubnis nach Frederikshavn. Ich hab’ grad versucht, da anzurufen, aber es ist besetzt. Ich versuch’s gleich nochmal…“

Frederikshavn wiederum ist völlig eingeschneit, weshalb wir von dort mit einem Bus weitertransportiert werden und es in Aalborg tatsächlich in einen Zug nach Kopenhagen schaffen. Es ist bereits nach Mitternacht, als ich endlich in mein gewohntes, weiches Bett fallen kann.

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