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Strynø

4. Mai 2010

Ich mache langsam die Augen auf. Mein Blick fällt durch das Dachfenster auf ein paar Wolken. In einer seichten, gleichmäßigen Bewegung ziehen sie über den Himmel. Darunter breitet sich eine grüne Wiese aus. Ein paar Sträucher wiegen sich im Wind. Sie stehen nah am Wasser, das sich unter dem leichten Lüftchen ein wenig kräuselt. Auf diesem grauen Teppich schleicht eine Fähre über die See, auf dem Weg zur Nachbarinsel.

Ich drehe mich ein wenig zur Seite – langsam versteht sich. Im Schlafraum bewegt sich keiner. Alles ist völlig ruhig. Ich genieße ein wenig die Stille. Ich muss nirgendwo hin, nichts erleben oder entdecken. Das, was man hier sehen kann ist sowieso relativ begrenzt.

Ich befinde mich nämlich auf einer kleinen Insel in der dänischen Südsee. Hier liegen ein paar versprengte Eilande und auf einem von diesen leben Simone und Jana für ein Jahr. Simone feierte gestern ihren Geburtstag und genau deshalb liege ich hier gerade auf einem Hochbett unter ein paar Dachbalken und habe reichlich Platz. Aber der Reihe nach.

Gestern morgen machten wir uns früh auf, um unsere Tour über das Land mit Bahn, Bus, zu Fuß und per Schiff zu starten. Wir, das waren Nina, Moritz, Hajni und ich. Thibaut hatte auf irgendeine Art verschlafen und wollte uns hinterherreisen. Den letzten Teil der Überfahrt mussten wir uns irgendwie durch die kleine Stadt zurechtsuchen, von der die Fähre auf die Insel fahren sollte. Und das unter Zeitdruck. Mit ein wenig Glück und Joggen schafften wir es rechtzeitig zum Hafen, der allerdings relativ leer war. Nur in einer kleinen Ecke hinter einem Häuschen lag ein Boot am Kai vertäut. Eine Fähre, zweifellos unser Ziel. Wir hatten gerade unsere Füße auf den schwankenden Grund gesetzt, da stieg der Kapitän schon nach oben ins Führerhäuschen und setzte das klapprige Schiff in Bewegung. Die Fähre hat schon einige Jahre auf dem Buckel, sie mühte sich sichtlich, unter der Last von uns und ganzen 3 Autos an Deck. Sehr viel mehr passt auch gar nicht darauf.

Der Hafen von StrynöBis wir auf der Insel waren, dauerte es eine halbe Stunde, obwohl die Endstationen in Sichtweite liegen. Auf Geschwindigkeit kommt es hier einfach nicht an. Die Zeit steht geradezu still, jedenfalls wenn man das Leben in der Großstadt gewöhnt ist.

Im „Hafen“ tauchte Jana plötzlich aus dem Bauch der Fähre auf und ging mit uns an Land. Ein wenig schien es, als wenn das Dorf auf uns gewartet hätte, denn alle Ankömmlinge wurden fröhlich begrüßt. Ein „Hej!“ flog in jede Richtung, man kennt sich einfach. Weit mussten wir nicht laufen, unsere Bleibe liegt fast direkt am Wasser. Es ist eine kleine Werft und zugleich so etwas wie ein kleines Erlebniszentrum für Schulklassen. Draußen auf der Weide stehen ein paar Schafe, die sofort gefüttert wurden, drinnen ein kleines Museum für ein paar Boote. Eines davon wurde vor ein paar Jahren von einem Schiffsbauer für seine Freundin gefertigt, die gerade Freiwillige auf der Werft war. Natürlich trägt es ihren Namen: „Katharina“.

Auch Clara war von Fünen herübergekommen, um den Geburtstag zu feiern, also freute ich mich erst einmal eine Runde, die ganzen Landbewohner wiederzusehen..

Landschaft StrynösSimone und Jana zeigten uns ein wenig von der Insel. Das Dorf in der Mitte mit dem kleinen Laden, die Kirche, eigentlich viel zu groß für so wenig Bewohner, ein paar Landwege und das Ufer mit der alten Windmühle. Keine Autos zu sehen. Keine Menschen auf der Straße. Die Zeit ist angehalten.

Zurück in der Werft wurde der Abend vorbereitet. Es gab ein großes Abendessen und es stießen sogar noch ein paar weitere Gäste hinzu: Simones Gasteltern und eine deutsche Frewillige mit ihrem dänischen Freund, die den langen Weg von Jütland auf die kleine Insel auf sich genommen hatten. Diese Freiwillige sprach ein beeindruckendes Dänisch. Nur dass sie sich einen lustigen West-Jütland-Akzent zugelegt hatte. So viel macht also Übung und Umgebung aus.

Wir alle bekommen mit unserem Dänisch ein paar spannende Gespräche hin. Simones Gasteltern, so erfahren wir, hatten sich auf Grönland kennengelernt. Er ist Kopenhagener, sie Kanadierin, die auf einer Militärbasis gearbeitet hatte.

Und wie kommt man jetzt dazu, nach Strynø zu ziehen?

„Dafür muss man auf Grönland gewohnt haben. In einer Stadt würden wir es einfach nicht aushalten…“

Dieser Ort hat mit Grönland gemeinsam, dass er so ziemlich am weitesten von Allem anderen weg liegt. Auf Strynø natürlich nur gefühlt. Wenn man dort ist, braucht man ein wenig Geduld, um wieder wegzukommen. Denn das Leben auf der Insel richtet sich nach der Fähre, das heißt man sollte es dabei nicht zu eilig haben und früh zu Hause sein. Oder man hat gute Freunde auf der gegenüberliegenden Seite.

Wenn man dort tatsächlich wohnt, ist man dann Mitglied einer großen Gemeinschaft. Jeder kennt jeden. Und die Bewohner sind ziemlich verschieden, es gibt Japaner, Australier und eben Kanadier.

Lagerfeuer auf StrynöDer Abend wurde noch ein wenig später und wir entschlossen uns nach draußen zu gehen. Entzündet wurde das erste richtige Lagerfeuer des Jahres. Es war zwar noch relativ kalt, aber mit einer dicken Jacke und die Füße ohne Schuhe dicht an die Flammen halten war das ertragbar. Dazu durfte natürlich eine Gitarre nicht fehlen, das Spielen übernahm Moritz, während wir uns ein paar Kulturdebatten lieferten.

Jetzt liege ich also im Hochbett und schaue mir den Himmel an. Unten wuselt seit geraumer Zeit Simone herum, um mich herum erwacht so langsam das Leben. Bald gibt es Frühstück.

Danach machen wir uns wieder zu einem kleinen Spaziergang auf, diesmal in Südrichtung. Am ersten Haus arbeitet eine Frau an ihrem Garten. Als sie uns kommen sieht, fragt sie, ob wir gestern Abend ein schönes Fest hatten. Hier spricht sich sowas schnell herum. Spätestens seit Simone und Jana zur Vorbereitung den Dorfladen leergekauft hatten, muss sich die Nachricht rasend schnell verbreitet haben.

Bald darauf erreichen wir das Haus von den Gasteltern der Inselfreiwilligen. Das ist ziemlich schmuck eingerichtet. Stickereien hängen an den Wänden, kleine Figuren stehen auf den Regalbrettern, viele kleine Details kleiden die Räume aus. Mich erinnert es stark an die Wohnung meiner Großeltern. Sogar der Geruch ist der gleiche. Ich stehe ein wenig in der Stube und lasse meine Erinnerungen herumschweifen. Wir trinken Kaffee und Tee in der Küche. Es passiert nicht viel, der Tag verstreicht langsam, aber langweilig wird es nie.

Ein wenig später sind wir wieder auf der Fähre und winken zurück. Jana und Simone stehen am Kai, daneben Thibaut. Der will sich von dort aus am nächsten Tag weiterreisen – nach Skagen, ans Ende der Welt. Nur ohne Schnee.

Wir machen uns derweil wieder auf den Weg in eine andere Welt.

2 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. 20. Juli 2010 16:02

    Wie nett, was man alles über Google findet.

    Danke für den schönen Bericht – auch wenn Kjeld aus Rømø stammt und Margaret aus den USA, nur so als Hinweis ;)

    Beste Grüße,
    Katharina
    (rate mal welche)

Trackbacks

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