På arbeijde II
Wir haben seit einem halben Jahr eine neue Küche. Die steht im Pegasus, dem Schwestercafé des Amadeus. Eine Mannschaft aus zweieinhalb Köchen wechselt sich mit dem Kochen ab und muss jeden Tag für so ca. 50 Menschen das Essen zubereiten. Natürlich nagelneue Ausstattung findet sich dort, glitzerndes Metall, zwei Backöfen und ein supermoderner Herd, den man wie ein iPhone bedienen muss: Durch draufpatschen. Allerdings macht die Technik meistens, was sie will, piept vor sich hin und man muss einiges an Überzeugungskraft aufbringen, damit sie das aufheizen anfängt – nur um dann mittendrin einfach aufzuhören. Eine Runde Schnitzel haben Moritz und ich damit trotzdem hinbekommen, wir durften uns einmal ausprobieren, weil das gesamte Kochteam wahlweise im Urlaub oder krank war.
Wenn dann also an normalen Tagen das Essen fertig ist, wird die Hälfte davon in separate Töpfe und Gefäße gefüllt und steht abfahrbereit an der Küchentür. Dann komme ich ins Spiel: Das Mittagessen soll vom Pegasus ins Amadeus transportiert werden. Das geschieht ganz nach Kopenhagener Art mit dem Fahrrad. „Christianiabike“ heißen diese Transportkisten auf Rädern und eine davon gehört den Cafés. Ich schwinge mich also jeden Mittag aufs Rad und bahne mir den Weg durchs Viertel. Ich umkurve eine Dauerbaustelle, warte eine gefühlte Ewigkeit an den Ampeln und verdrehe einigen Leuten den Kopf, weil sie wissen wollen, wo der leckere Geruch herkommt. Ich komme auch an einigen Menschenansammlungen vorbei. Ich kenne inzwischen die Plätze genau, an denen Gruppen, die vorwiegend aus Männern bestehen, sich ab morgens um 10 erst einmal gepflegt betrinken. Leicht peinlich wird es dann für mich, weil ich den Großteil kenne und sie mich dann grüßen.
Wenn ich dann am Amadeus angekommen bin, kommen die Essenskisten drinnen in die kleine Küche und werden aufgwärmt, während die leeren Sachen vom Vortag wieder in das Transportfahrrad verladen werden und ich den Rückweg antrete.
Im Winter wird eine solche Tour natürlich nochmal schwerer. Im Amadeus grinste mich mein Chef einmal an, als ich durch die Tür kam und sagte so etwas wie: „Egal ob Eis oder Schnee, der Essenbote kommt immer!“ Als ich mich für den Rückweg gerade wieder auf das Fahrrad gesetzt hatte, begann es erst zu hageln und gleich danach in dicken Flocken zu schneien. Dementsprechend hatte ich danach ungefähr diesen Gesichtsausdruck: (-.-).
An einigen festen Tagen in der Woche bin ich nun im Pegasus. Die beiden Cafés sind von den Besuchern her erstaunlich verschieden, obwohl sie nur zwei Straßen auseinanderliegen. Das Pegasus kann man eher mit einer Kantine eines Seniorenheims vergleichen, während das Amadeus von wesentlich mehr Drogenabhängigen aufgesucht wird.
Seitdem ich also im Pegasus zum Personal gehöre, warte ich auf den Tag, an dem alles explodiert. Einige Cafébesucher sind sich nicht ganz grün und manchmal entstehen ziemliche Spannungen. Dieser Tag kam tatsächlich irgendwann. Die Stimmung heizt sich immer auf, wenn eine ältere Frau hereinkommt, die unter Schizophrenie mit Paranoia leidet. Sie ist ziemlich unruhig, redet ständig ziemlich laut und ist davon überzeugt, dass die gesamte Welt sie nicht leiden kann. Die anderen Besucher sind dann bereits nach 30 Sekunden genervt und fangen das Kommentieren an. Die Dame sieht sich natürlich in ihrer Überzeugung bestätigt und ihre Stimmung verschlechtert sich zusehends.
Ihr Gegenspieler zum Aufregen ist ein relativ junger Mann, der ziemlich intelligent gewesen sein muss, bis er eines Tages zur falschen Zeit am falschen Ort war. Ein Taxi kam um die Ecke und erfasste ihn, er lag ein Jahr im Koma, ist seitdem motorisch und geistig eingeschränkt und ändert sein Verhalten sprunghaft, es kann also mal vorkommen, dass er über eine Kleinigkeit einen Wutanfall bekommt und herumschreit.
Das Ganze kann man für gewöhnlich durch Zureden beruhigen. Heute allerdings nicht. Der junge Mann gerät mit der älteren Dame aneinander und will das Herumschreien gar nicht mehr aufhören. Meine Chefin schickt ihn schließlich nach draußen, wo er die Nachbarschaft 10 Minuten lang zusammenbrüllt. Die Dame schimpft unterdessen wie ein Rohrspatz, die anderen Besucher verkriechen sich entweder in ihre Zeitung oder regen sich ihrerseits auf. Irgendwann tritt die Frau dann die Flucht an. Für fünf Minuten ist Ruhe, bis sie plötzlich klitschnass wieder auftaucht. Ein Nachbar hatte genug von den Szenen und dem Geschimpfe auf der Straße, sodass er sich einen Eimer Wasser nahm und ihn aus dem vierten Stock aus dem Fenster kippte. Sein Ziel hat er genau getroffen…
So etwas ist jedoch eher selten. Meistens kann ich beruhigt im Café sitzen und mich mit den Besuchern unterhalten, wir lachen oft, trinken Unmengen an Kaffee und ich kann inzwischen auch meinen ärgsten Widersacher im Ludo (das dänische Mensch-ärger-dich-nicht) regelmäßig in die Tasche stecken.
