Die Halbinsel Stevns
Es ist fast schon einsam geworden. Mit meinem Laptop hocke ich in einem Zimmer, das nur mit einem unbezogenen Bett, einem Bürostuhl und einem kleinen Schränkchen ausgestattet ist. Der Flur ist nahezu ausgestorben, ein einziges Zimmer ist noch bewohnt. Ich sitze in diesem Niemandsland, um ein wenig Internet zu haben.
Ich denke zurück, an die Zeit, in der es hier noch lebendig war. Zehn Zimmer, zehn Bewohner und immer war irgendwie Besuch da. Dann kam der Juni und es wurde Stück für Stück leerer.
Am lebendigsten war es aber an anderen Orten, zu anderen Zeiten. Eines Tages im Frühling machten wir uns auf in einen kleinen Ort an der Küste in der Køgebucht. Von Kopenhagen 40 km entfernt und noch weiter hinaus, als die Endstation der S-Bahn reicht. Einige nehmen den Zug und nehmen dabei eine Menge Zeug mit, die Anderen (mit mir) finden sich in einer Kolonne zusammen und fahren mit dem Fahrrad im Rudel an der Küste entlang. Wir haben dabei nicht unbedingt weniger Zeug dabei, was auf einem Fahrrad allerdings ein wenig unpraktischer ist als auf einem Sitzplatz im Bahnwaggon. So eine Gitarre auf dem Rücken ist halt ein wenig sperrig. Nach einer ca. 4-stündigen Ausdauertour mit nur einigen wenigen Erholungs- und Verletzungspausen (Hajni schlägt sich bei einem Sturz das Knie auf) erreichen wir erschöpft aber glücklich das Häuschen im Wald noch vor Anbruch der Dunkelheit. Das Abendessen ist zum Glück schon fertig und wir können unsere Energiereserven wieder auffüllen. Als die letzten Nachzügler eintreffen, ist unsere Mannschaft komplett, mit mehr als 20 Leuten und es wird ein gemütlicher Abend. Ein paar singen, ein paar schnacken, ein paar andere rauchen.
Das Häuschen ist Pfadfinderheim und Kindergarten in einem, somit findet sich zu gleichen Teilen eine Sammlung aus ausgestopften Tieren und solchen zum Kuscheln. Der große Aufenthaltsraum ist unser Sammelplatz, zum Schlafen verteilt man sich auf die umliegenden Zimmer. Ich kann mich einigermaßen bequem einrichten, weil ich in einer Ecke einen übergroßen Stoffbiber finde und ihn als Kopfkissen missbrauche.
Am nächsten Morgen taumele ich aus meinem Schlaflager heraus und blinzele in den Gemeinschaftsraum hinein. Da steht Martin schon energetisch und aufbruchsbereit am Frühstückstisch. Er sieht entschlossen aus. Er ist schließlich mitten im Trainingsprogramm für einen Marathon und ist hier nicht zum Entspannen hergekommen. Thiemo steht daneben und sieht entschlossen aus, wenigstens einigermaßen mithalten zu können. Martin füllt noch seinen selbstgebauten Versorgungsgurt auf und ist schon zur Tür heraus.
Danach bewegt sich im Raum lange nur sehr wenig. Langsam bahnen sich verschlafene Gestalten ihren Weg zum Frühstück. Danach verläuft der Tag aber wesentlich energiegeladener. Eine kleine Gruppe entschließt sich zu einer Fahrradtour über die Halbinsel, denn es soll auf der Ostseite am Meer Klippen geben. Auf der Landkarte suchen wir uns dazu einen passenden Weg möglichst nah am Wasser zurecht. Dummerweise zeigt sie keine Verbindung durch das Waldstück im Nordosten an.
Das stört uns jedoch erstmal nicht und wir fahren an schmucken Häusern vorbei die Küste entlang. Bald tauchen immer mehr Bäume auf und die Straße wechselt zu einem Waldweg. Jetzt helfen uns nur noch Himmelsrichtungen. Der Weg wird immer schmaler und verschlungener, bis er an einem kleinen Bach im Gestrüpp endet. Das Meer ist nur einen Steinwurf entfernt und hinter den Bäumen taucht ein Jogger auf. Es ist Thiemo, allerdings allein. Martin hat er schon vor einiger Zeit verloren, aber wenigstens läuft er noch. Sehr erschöpft sieht er auch nicht aus.
Wir müssen unsere Tour über den „Strand“ fortsetzen, der hier ziemlich steinig daherkommt und mehr ein Geröllfeld als irgendetwas Anderes ist. Wir nehmen die nächste Gelegenheit wieder in den Wald hinein, kommen an einer Art verlassenem Indianerlager vorbei und finden schließlich den Weg aus dem Wald heraus. Weitläufige Felder empfangen uns, ein paar verstreute Bauernhäuser stehen herum. Ich pflichte Karin bei, dass es auf dem Land doch irgendwie am schönsten ist.
Wir fahren ein bisschen weiter, bis wir zu einem Feld kommen, hinter dem eine Kante liegt. Dahinter geht es 20 Meter in die Tiefe. Wir sind an den Klippen angelangt. Majestätisch verlaufen sie in Richtung Horizont, nur zerschnitten durch eine Seebrücke für eine Kiesgrube. Die Sonne hat ihren Zenit lange überschritten und wir treffen während unserer Pause auf ein paar Teletubbies, die den Aussichtsturm erklimmen.
Unser Reisetaschenbuch bringt uns auf das letzte Ziel dieses Tages: die alte Kirche von Højerup. Sie steht am Rand eines verschlafenen Dorfes an den Klippen und stammt aus dem 12. Jahrhundert. Die Kirche selbst ist relativ unspektakulär. Es sind kaum Verzierungen oder Bilder erhalten, kalter Stein und Holzbänke beherrschen das Bild. Die massive Einganstür ist aus Holz geschnitzt und für mich viel zu klein. Der Boden formt sich wie eine Rinne, weil so viele Menschen über die Jahrhunderte darübergelaufen sind.
Wenn man die Kirche betritt, kommt sie einem sofort eigenartig vor. Es gibt keinen Altar. Dort, wo der Chor sein sollte, befindet sich nur eine gemauerte Wand mit einer kleinen Tür in der Mitte. Man geht hindurch und schaut auf einen unendlichen, türkisblauen Teppich. Man steht auf einem Balkon hoch oben auf den Klippen und schaut auf das Meer, das sich vom Fuße der Klippen in alle Richtungen bis zum Horizont erstreckt. Die Kirche steht genau an der Klippe, so nah, dass vor einiger Zeit eines Nachts nach einer Flut ein Teil der Kirche mitsamt der Klippe ins Meer stürzte. Man versuchte sie zu befestigen und seitdem ersetzt ein Balkon den abgestürzten Kirchenteil.
Zurück zu unserem Basiscamp nehmen wir diesmal den direkten Weg diagonal über die Karte und fahren in den Sonnenuntergang hinein. Schließlich endet der Abend mit Grillen, ein wenig Singen und vor Allem gemütlich beisammen sitzen.
Am nächsten Morgen steht die Fahrt zurück nach Kopenhagen an. Sie wird lang und anstrengend, aber schlussendlich sind wir ziemlich stolz, die ganze Fahrerei erfolgreich durchgehalten zu haben.
Ich klappe den Laptop zu. Es ist völlig still im Korridor.
Es ist fast schon einsam geworden. Mit meinem Laptop hocke ich in einem Zimmer, das nur mit einem unbezogenen Bett, einem Bürostuhl und einem kleinen Schränkchen ausgestattet ist. Der Flur ist nahezu ausgestorben, ein einziges Zimmer ist noch bewohnt. Ich sitze in diesem Niemandsland, um ein wenig Internet zu haben.
Ich denke zurück, an die Zeit, an der es hier noch lebendig war. Zehn Zimmer, zehn Bewohner und immer war irgendwie Besuch da. Dann kam der Juni und es wurde Stück für Stück leerer.
Am lebendigsten war es aber an anderen Orten, zu anderen Zeiten. Eines Tages im Frühling machten wir uns auf in einen kleinen Ort an der Küste in der Køgebucht. Von Kopenhagen 40 km entfernt und noch weiter hinaus, als die Endstation der S-Bahn reicht. Einige nehmen den Zug und nehmen dabei eine Menge Zeug mit, die Anderen (mit mir) finden sich in einer Kolonne zusammen und fahren mit dem Fahrrad im Rudel an der Küste entlang. Wir haben dabei nicht unbedingt weniger Zeug dabei, was auf einem Fahrrad allerdings ein wenig unpraktischer ist als auf einem Sitzplatz im Bahnwaggon. So eine Gitarre auf dem Rücken ist halt ein wenig sperrig. Nach einer ca. 4-stündigen Ausdauertour mit nur einigen wenigen Erholungs- und Verletzungspausen (Hajni schlägt sich bei einem Sturz das Knie auf) erreichen wir erschöpft aber glücklich das Häuschen im Wald noch vor Anbruch der Dunkelheit. Das Abendessen ist zum Glück schon fertig und wir können unsere Energiereserven wieder auffüllen. Als die letzten Nachzügler eintreffen, ist unsere Mannschaft komplett, mit mehr als 20 Leuten und es wird ein gemütlicher Abend. Ein paar singen, ein paar schnacken, ein paar andere rauchen.
Das Häuschen ist Pfadfinderheim und Kindergarten in einem, somit findet sich zu gleichen Teilen eine Sammlung aus ausgestopften Tieren und solchen zum Kuscheln. Der große Aufenthaltsraum ist unser Sammelplatz, zum Schlafen verteilt man sich auf die umliegenden Zimmer. Ich kann mich einigermaßen bequem einrichten, weil ich in einer Ecke einen übergroßen Stoffbiber finde und ihn als Kopfkissen missbrauche.
Am nächsten Morgen taumele ich aus meinem Schlaflager heraus und blinzele in den Gemeinschaftsraum hinein. Da steht Martin schon energetisch und aufbruchsbereit am Frühstückstisch. Er sieht entschlossen aus. Er ist schließlich mitten im Trainingsprogramm für einen Marathon und ist hier nicht zum Entspannen hergekommen. Thiemo steht daneben und sieht entschlossen aus, wenigstens einigermaßen mithalten zu können. Martin füllt noch seinen selbstgebauten Versorgungsgurt auf und ist schon zur Tür heraus.
Danach bewegt sich im Raum lange nur sehr wenig. Langsam bahnen sich verschlafene Gestalten ihren Weg zum Frühstück. Danach verläuft der Tag aber wesentlich energiegeladener. Eine kleine Gruppe entschließt sich zu einer Fahrradtour über die Halbinsel, denn es soll auf der Ostseite am Meer Klippen geben. Auf der Landkarte suchen wir uns dazu einen passenden Weg möglichst nah am Wasser zurecht. Dummerweise zeigt sie keine Verbindung durch das Waldstück im Nordosten an.
Das stört uns jedoch erstmal nicht und wir fahren an schmucken Häusern vorbei die Küste entlang. Bald tauchen immer mehr Bäume auf und die Straße wechselt zu einem Waldweg. Jetzt helfen uns nur noch Himmelsrichtungen. Der Weg wird immer schmaler und verschlungener, bis er an einem kleinen Bach im Gestrüpp endet. Das Meer ist nur einen Steinwurf entfernt und hinter den Bäumen taucht ein Jogger auf. Es ist Thiemo, allerdings allein. Martin hat er schon vor einiger Zeit verloren, aber wenigstens läuft er noch. Sehr erschöpft sieht er auch nicht aus.
Wir müssen unsere Tour über den „Strand“ fortsetzen, der hier ziemlich steinig daherkommt und mehr ein Geröllfeld als irgendetwas Anderes ist. Wir nehmen die nächste Gelegenheit wieder in den Wald hinein, kommen an einer Art verlassenem Indianerlager vorbei und finden schließlich den Weg aus dem Wald heraus. Weitläufige Felder empfangen uns, ein paar verstreute Bauernhäuser stehen herum. Ich pflichte Karin bei, dass es auf dem Land doch irgendwie am schönsten ist.
Wir fahren ein bisschen weiter, bis wir zu einem Feld kommen, hinter dem eine Kante liegt. Dahinter geht es 20 Meter in die Tiefe. Wir sind an den Klippen angelangt. Majestätisch verlaufen sie in Richtung Horizont, nur zerschnitten durch eine Seebrücke für eine Kiesgrube. Die Sonne hat ihren Zenit lange überschritten und wir treffen während unserer Pause auf ein paar Teletubbies, die den Aussichtsturm erklimmen.
Unser Reisetaschenbuch bringt uns auf das letzte Ziel dieses Tages: die alte Kirche von Højerup. Sie steht am Rand eines verschlafenen Dorfes an den Klippen und stammt aus dem 12. Jahrhundert. Die Kirche selbst ist relativ unspektakulär. Es sind kaum Verzierungen oder Bilder erhalten, kalter Stein und Holzbänke beherrschen das Bild. Die massive Einganstür ist aus Holz geschnitzt und für mich viel zu klein. Der Boden formt sich wie eine Rinne, weil so viele Menschen über die Jahrhunderte darübergelaufen sind.
Wenn man die Kirche betritt, kommt sie einem sofort eigenartig vor. Es gibt keinen Altar. Dort, wo der Chor sein sollte, befindet sich nur eine gemauerte Wand mit einer kleinen Tür in der Mitte. Man geht hindurch und schaut auf einen unendlichen, türkisblauen Teppich. Man steht auf einem Balkon hoch oben auf den Klippen und schaut auf das Meer, das sich vom Fuße der Klippen in alle Richtungen bis zum Horizont erstreckt. Die Kirche steht genau an der Klippe, so nah, dass vor einiger Zeit eines Nachts nach einer Flut ein Teil der Kirche mitsamt der Klippe ins Meer stürzte. Man versuchte sie zu befestigen und seitdem ersetzt ein Balkon den abgestürzten Kirchenteil.
Zurück zu unserem Basiscamp nehmen wir diesmal den direkten Weg diagonal über die Karte und fahren in den Sonnenuntergang hinein. Schließlich endet der Abend mit Grillen, ein wenig Singen und vor Allem gemütlich beisammen sitzen.
Am nächsten Morgen steht die Fahrt zurück nach Kopenhagen an. Sie wird lang und anstrengend, aber schlussendlich sind wir ziemlich stolz, die ganze Fahrerei erfolgreich durchgehalten zu haben.
Ich klappe den Laptop zu. Es ist völlig still im Korridor.



